Der deutsche Arbeitsmarkt, insbesondere die Gastronomiebranche, steht vor großen Herausforderungen. Der Mangel an qualifiziertem Personal ist allgegenwärtig und zwingt viele Betriebe zu kreativen Lösungen. Eine solche Lösung, die nicht nur pragmatisch, sondern auch menschlich bereichernd ist, wird im Herzen von Fischerhude im traditionsreichen Haus Berkelmann gelebt. Hier treffen jahrhundertealte Geschichte und internationale Zukunft aufeinander, verkörpert durch zwei junge, hochmotivierte Männer aus Vietnam, die hier ihre berufliche Heimat finden.

Das Haus Berkelmann, ein Gasthof mit einer beeindruckenden Geschichte von 230 Jahren, ist fest im Ortsbild von Fischerhude verankert. Seit 2019 wird dieses Erbe von Johannes und Asil Haltermann mit Leidenschaft und Engagement geführt. Das Ehepaar hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Tradition des Hauses zu bewahren, sondern es auch zukunftsfähig zu gestalten. Dazu gehört vor allem ein starkes, zufriedenes Team. Johannes Haltermann, selbst ein gelernter Koch, setzt auf gute Arbeitsbedingungen: Seine 23 Vollzeitkräfte, darunter acht Köche, profitieren von einer Vier-Tage-Woche und einer übertariflichen Bezahlung. Diese Philosophie zahlt sich aus: Das Team ist seit fünf Jahren konstant, was in der schnelllebigen Gastronomiebranche eine Seltenheit darstellt und für das positive Betriebsklima spricht. „Wir sind wie eine Familie im Betrieb“, beschreibt Johannes Haltermann die Atmosphäre.
Die anhaltende Suche nach Talenten
Trotz des stabilen Kernteams und attraktiver Konditionen stießen die Haltermanns bei der Suche nach Auszubildenden auf Schwierigkeiten. Die Gastronomieausbildung gilt vielen jungen Menschen in Deutschland als wenig attraktiv, die Arbeitszeiten sind oft ein Hindernis. Johannes Haltermann berichtet von Vorstellungsgesprächen, bei denen die nötige Motivation und das Selbstvertrauen fehlten. Eine „Jogginghose zum Vorstellungsgespräch“ sei dabei nur ein äußeres Zeichen für eine innere Einstellung, die nicht zu den Anforderungen der Branche passt, ergänzt Asil Haltermann.
Dieser Fachkräftemangel ist nicht auf Fischerhude beschränkt, sondern ein bundesweites Problem. Unternehmen suchen händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern und motivierten Nachwuchskräften, finden aber oft nicht die passenden Kandidaten auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Dies erfordert neue Wege und Perspektiven, um den Bedarf zu decken und die Zukunft der Betriebe zu sichern.
Ein Brückenbauer für internationale Fachkräfte
Hier kommt eine entscheidende Figur ins Spiel: Bao Doan, der Wirtschaftsförderer der Gemeinde Ottersberg. Mit seiner langjährigen Erfahrung aus seiner Tätigkeit bei der Agentur für Arbeit hat er sich zur Aufgabe gemacht, Unternehmen im Flecken bei der Gewinnung von Fachkräften und Auszubildenden aus dem Ausland zu unterstützen. Er weiß aus vielen Gesprächen: „Die Betriebe möchten gerne ausbilden, aber sie finden nicht immer die Leute dafür.“ Bao Doan sieht großes Potenzial in der Vermittlung von Talenten aus Ländern, in denen die Arbeitsmarktsituation eine andere ist.
Zweimal im Jahr reist Bao Doan nach Vietnam, um dortige Sprachschulen zu besuchen und Kontakt zu potenziellen Bewerbern aufzunehmen. In Vietnam lernen viele junge Menschen mit guter Schulbildung Deutsch, getrieben von der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben in Deutschland. Die Situation in Vietnam ist oft schwierig: „In Vietnam gibt es zu viele Arbeitskräfte für zu wenige Stellen. Und es gibt überhaupt keine Arbeitnehmerrechte“, schildert Doan. Eine gesicherte berufliche Existenz aufzubauen, ist für viele kaum möglich. Dieser Wunsch nach einer stabilen Zukunft trifft auf den Bedarf deutscher Unternehmen, die motivierte Mitarbeiter suchen – eine Win-Win-Situation, die Bao Doan ermöglicht.
Der Weg von Vietnam nach Fischerhude
Unter 20 von Bao Doan vorgeschlagenen Bewerbern für die beiden Ausbildungsstellen im Haus Berkelmann entschieden sich die Haltermanns für Nguyen Xuan Truong und Nguyen Van Nghiep. Bao Doan hatte bei der Vorauswahl großen Wert auf das Sprachlevel gelegt, da dies entscheidend für den Alltag in Deutschland und den Erfolg in der Berufsschule ist. Die Haltermanns führten die Vorstellungsgespräche per Videotelefonie – eine moderne Lösung für eine internationale Rekrutierung.
Nguyen Xuan Truong (23) und Nguyen Van Nghiep (20) traten die lange Reise von Vietnam nach Deutschland an, rund 10.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Ihre Motivation ist klar: Sie wollen sich in Deutschland eine sichere berufliche Existenz aufbauen. Im Haus Berkelmann absolvieren sie nun ihre Ausbildung – Nguyen Xuan Truong zum Restaurantfachmann und Nguyen Van Nghiep zum Koch. Die vertraglichen Vereinbarungen wurden im Januar getroffen, und dank der tatkräftigen Unterstützung von Bao Doan bei allen Einreise- und Aufenthaltsformalitäten konnten die beiden bereits am 1. April ihre Ausbildung beginnen. „Das ging schon sehr schnell“, bestätigt Doan. Ohne seine Expertise und Hilfe wären die bürokratischen Hürden des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes für die Haltermanns allein nicht zu bewältigen gewesen.
Ankommen und Wohlfühlen: Integration im Alltag
Die Integration der beiden jungen Vietnamesen in Fischerhude und im Haus Berkelmann wird aktiv unterstützt. Bao Doan fungiert weiterhin als wichtiger Ansprechpartner und Alltagshelfer. Er kümmert sich um Angelegenheiten wie die Ausbildungsbeihilfe, unterstützte beim ersten Arztbesuch und half bei der Wohnungssuche. Obwohl Fischerhude eine idyllische Umgebung bietet, entschieden sich Truong und Nghiep bewusst dafür, in Bremen wohnen zu wollen. Sie nehmen dafür den täglichen Arbeitsweg mit Zug und Fahrrad auf sich – ein weiteres Zeichen ihrer Zielstrebigkeit und Disziplin.
Johannes und Asil Haltermann sind voll des Lobes für ihre neuen Azubis. Sie erleben Truong und Nghiep als „extrem höflich, lernwillig und fleißig“. Beide passen gut ins Team und kommen auch bei den Gästen sehr gut an. Die Komplimente werden erwidert: Truong und Nghiep arbeiten gerne im Haus Berkelmann und fühlen sich wohl. Ihre Disziplin zeigt sich auch in der Berufsschule in Bremen, wo Truong beispielsweise Klassenbester in Mathematik ist. Darüber hinaus unterstützen beide ihre Familien in Vietnam von ihrem Verdienst – ein beeindruckendes Beispiel für Verantwortung und familiären Zusammenhalt.
Herausforderungen und Chancen
Dieses Ausbildungsverhältnis ist ein besonderes Projekt und, wie Bao Doan betont, „ein mutiger Schritt von beiden Seiten“. Es erfordert Vertrauen, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Bao Doan spielt eine entscheidende Rolle für das Gelingen, nicht nur als Vermittler, sondern auch als Beschützer, der darauf achtet, dass die jungen Menschen hier nicht in zwielichtige Verhältnisse geraten. Bürgermeister Tim Willy Weber unterstreicht die Wichtigkeit, dass nur gute Arbeitsplätze angeboten werden. Dieses Modell der internationalen Rekrutierung scheint vielversprechend und könnte für weitere Unternehmen im Flecken Ottersberg und darüber hinaus Vorbildcharakter haben. Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist Thi Bich Ngoc Nguyen, die am 1. August eine Ausbildung zur Außenhandelskauffrau bei Lifepark in Posthausen begonnen hat – ebenfalls vermittelt durch die Gemeinde.
Die Integration internationaler Fachkräfte und Auszubildender bietet sowohl Herausforderungen als auch enorme Chancen. Für die Unternehmen bedeutet es, dringend benötigtes Personal zu gewinnen und die Vielfalt im Betrieb zu erhöhen. Für die Auszubildenden bedeutet es die Chance auf eine fundierte Ausbildung und eine gesicherte Zukunft in einem stabilen Umfeld. Für die Gesellschaft bedeutet es kulturellen Austausch und das Überwinden von Grenzen.
| Aspekt | Herkömmliche Azubi-Suche in Deutschland | Rekrutierung über Wirtschaftsförderung (z.B. aus Vietnam) |
|---|---|---|
| Verfügbarkeit potenzieller Azubis | Oft geringe Bewerberzahlen, Konkurrenz durch andere Branchen. | Große Anzahl motivierter Bewerber im Ausland vorhanden. |
| Motivation der Bewerber | Kann variieren, oft hohe Ansprüche, manchmal geringe Arbeitsbereitschaft. | Meist hohe Motivation und Zielstrebigkeit durch den Wunsch nach einer besseren Existenz. |
| Sprachkenntnisse bei Start | Muttersprache Deutsch. | Deutschkenntnisse müssen oft noch vertieft werden (B1/B2 Level oft Voraussetzung). |
| Bürokratischer Aufwand | Relativ gering. | Sehr hoch (Visa, Aufenthaltsgenehmigung, Anerkennung von Zeugnissen etc.). |
| Integrationsaufwand | Geringer, da kulturell vertraut. | Höher (Wohnungssuche, Behördengänge, soziale Integration). |
| Loyalität und Teambindung | Kann variieren. | Oft sehr hoch, da große Chance geboten wird. |
| Erfolgsaussichten | Abhängig von Motivation und Passung. | Hoch bei guter Vorauswahl und intensiver Begleitung. |
Träume für die Zukunft
Auf die Frage, ob sie Heimweh hätten, schütteln Nguyen Xuan Truong und Nguyen Van Nghiep lächelnd die Köpfe. Sie sind fokussiert auf ihre Ausbildung und ihre Zukunft. Dennoch freuen sie sich sehr darauf, nächstes Jahr ihre Familien in Vietnam besuchen zu können – ein Wunsch, den sie bereits mit ihrem Chef besprochen haben. Und was ihre Pläne nach der Ausbildung angeht, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen und voller Überzeugung: „Ja, natürlich!“, wollen sie in Deutschland bleiben. Dieser klare Wunsch unterstreicht ihren Willen, sich hier eine dauerhafte Existenz aufzubauen und Teil der deutschen Gesellschaft und Arbeitswelt zu werden.
Die Geschichte von Nguyen Xuan Truong, Nguyen Van Nghiep und dem Haus Berkelmann ist mehr als nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel. Sie ist eine Geschichte von Chancen, Mut, Unterstützung und gelungener Integration. Sie zeigt, wie durch Zusammenarbeit – zwischen Unternehmen, Kommune und engagierten Menschen wie Bao Doan – Brücken über Kontinente hinweg gebaut werden können, um nicht nur Betrieben eine Zukunft zu sichern, sondern auch jungen Menschen aus der Ferne eine neue Perspektive und ein besseres Leben zu ermöglichen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wer sind die Inhaber von Haus Berkelmann in Fischerhude? Das Haus Berkelmann wird von dem Ehepaar Johannes und Asil Haltermann geführt.
Woher kommen die beiden Auszubildenden im Haus Berkelmann? Die beiden jungen Männer, Nguyen Xuan Truong und Nguyen Van Nghiep, kommen aus Vietnam.
Welche Ausbildungen absolvieren die beiden Vietnamesen? Nguyen Xuan Truong wird zum Restaurantfachmann ausgebildet, Nguyen Van Nghiep zum Koch.
Wer hat die Vermittlung der Auszubildenden ermöglicht? Die Vermittlung wurde maßgeblich durch Bao Doan, den Wirtschaftsförderer der Gemeinde Ottersberg, unterstützt.
Warum rekrutiert Haus Berkelmann Auszubildende aus Vietnam? Das Unternehmen hatte Schwierigkeiten, passende lokale Auszubildende zu finden. In Vietnam gibt es viele motivierte junge Menschen, die eine Ausbildung in Deutschland suchen.
Erhalten die Auszubildenden Unterstützung bei der Integration? Ja, Bao Doan und die Gemeinde Ottersberg unterstützen die Auszubildenden aktiv bei Formalitäten, Wohnungssuche und im Alltag.
Möchten die Auszubildenden nach ihrer Ausbildung in Deutschland bleiben? Ja, beide haben den Wunsch geäußert, nach Abschluss ihrer Ausbildung in Deutschland zu bleiben.
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