Was passiert mit Clärchens Ballhaus?

Clärchens Ballhaus: Ein Berliner Original lebt weiter

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Clärchens Ballhaus ist mehr als nur ein Restaurant oder ein Tanzlokal; es ist eine Institution, ein lebendiges Denkmal der Berliner Geschichte und Kultur. Seit über einem Jahrhundert hat dieser besondere Ort im Herzen von Berlin-Mitte unzählige Geschichten erlebt, von rauschenden Ballnächten der Weimarer Republik über die Herausforderungen zweier Weltkriege und der deutschen Teilung bis hin zu den turbulenten Zeiten der Wiedervereinigung und den jüngsten Veränderungen. Seine Mauern könnten Bände erzählen über Begegnungen, Liebe, Abschiede und das unaufhörliche Leben der Stadt.

Was ist die Luna D'Oro?
Das Luna D'Oro ehrt die legendäre goldene Discokugel, das Wahrzeichen des Ballsaals – den „goldenen Mond“ – und ist eine Hommage an eine Tanzlehrerin, die einst unter dem Namen Luna D'Oro im Clärchens Ballhaus wirkte.

Die Anfänge und die Ära der Familie Bühler/Habermann

Die Geschichte von Clärchens Ballhaus beginnt am 13. September 1913. Damals eröffneten Fritz Bühler und seine Ehefrau Clara Bühler das Tanzlokal im Hinterhaus der Auguststraße 24/25. Zunächst trug es den Namen Bühlers Ballhaus. Das Gebäude selbst war bereits um 1895 erbaut worden und verfügte über die zwei charakteristischen Säle: den Tanzsaal im Erdgeschoss und den prunkvollen Spiegelsaal im Obergeschoss, der schon damals ein Highlight war.

Nach dem Tod ihres Mannes Fritz im Jahr 1929 führte Clara Bühler das Ballhaus allein weiter. Es war ihre Persönlichkeit, ihre Präsenz, die dem Ort schnell einen neuen Namen im Volksmund gab: Clärchens Ballhaus. Dieser Name, der bis heute Bestand hat, zeugt von der starken Verbundenheit der Berliner mit seiner Betreiberin.

1932 heiratete Clara Arthur Habermann, der sie fortan im Betrieb unterstützte. Gemeinsam navigierten sie durch die schwierigen Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Vorderhaus des Gebäudes zerstört, doch das Ballhaus im Hinterhaus überstand die Zerstörungen und nahm nach Kriegsende den Betrieb wieder auf. Eine bemerkenswerte Leistung in einer verwüsteten Stadt.

Ein besonderes Merkmal von Clärchens Ballhaus während der DDR-Zeit war, dass es stets ein Privatbetrieb blieb. In einer Zeit, in der viele Betriebe verstaatlicht wurden, konnte Clärchens seinen einzigartigen Charakter bewahren. Die Ruine des zerstörten Vorderhauses wurde erst 1965 abgetragen, die Fläche davor blieb bis heute unbebaut und entwickelte sich später zu einem beliebten Biergarten.

Die Leitung des Ballhauses verblieb lange in der Familie. Von 1967 bis 1989 übernahm Clärchens Stieftochter Elfriede Wolff (Tochter von Arthur Habermann) das Ruder. Anschließend führte deren Sohn Stefan den Betrieb weiter.

Wechselnde Hände und das Ende einer Ära

Nach der deutschen Wiedervereinigung kam es zu rechtlichen Klärungen bezüglich des Besitzes. Clara Habermanns leibliche Tochter erhielt den Besitz zugesprochen. Deren Sohn, als nächster Erbe, traf im Jahr 2003 die Entscheidung, das Gebäude zu verkaufen. Ein tiefer Einschnitt in der Geschichte des Ballhauses, das so lange in Familienhand gewesen war.

Der neue Besitzer ab 2003 war Hans-Joachim Sander. Er kündigte dem langjährigen Familienbetrieb, was dazu führte, dass die Familie Habermann/Wolff ihre Tätigkeit nach 91 Jahren zum Silvesterabend 2004 einstellte. Ein emotionaler Moment für viele Stammgäste und die Familie selbst.

Doch die Türen von Clärchens Ballhaus blieben nicht lange geschlossen. Direkt nach dem Auszug der vorherigen Betreiber übernahmen Christian Schulz und David Regehr die Lokalität. Sie entschieden sich bewusst dafür, den Charakter des Ballhauses weitgehend unverändert zu lassen und seinen morbiden Charme zu erhalten. Unter ihrer Führung wurde auch der Platz vor dem Hinterhaus, wo einst das Vorderhaus stand, bewirtschaftet und entwickelte sich zu einem beliebten Sommerort. Der lange Zeit nur als Lager genutzte Spiegelsaal im Obergeschoss wurde wiederbelebt und fortan als Veranstaltungsraum genutzt, was dem Ballhaus eine weitere Dimension verlieh.

Die Krise 2019 und die Bewegung zur Rettung

Im Sommer 2018 gab es erneut einen Besitzerwechsel. Das Haus wurde von Yoram Roth gekauft. Diese Übernahme löste kurz darauf eine Welle der Besorgnis aus. Ende 2019 wurde bekannt gegeben, dass Clärchens Ballhaus zum 31. Dezember 2019 geschlossen werden sollte, um Sanierungsarbeiten durchzuführen.

Die Ankündigung führte zu einer breiten öffentlichen Reaktion. Es bestand die begründete Befürchtung, dass eine längere Schließung zum Verlust der Betriebsgenehmigung führen könnte, was die Nutzung in der gewohnten Form unmöglich gemacht hätte. Für viele Berliner und Liebhaber des Ortes hätte dies das sichere Ende von Clärchens Ballhaus bedeutet, so wie sie es kannten und liebten. Die Sorge war groß, ein weiteres Stück authentisches Berlin zu verlieren, ähnlich wie es zuvor mit anderen Orten wie dem „Bogota“, der „Bar Babette“ oder dem „Autohaus“ geschehen war.

Wem gehört Clärchens Ballhaus?
Der über Jahre nur als Lagerraum genutzte Spiegelsaal im Obergeschoss wird seither als Veranstaltungsraum genutzt. Im Sommer 2018 wurde das Haus von Yoram Roth gekauft.

Als Reaktion auf diese Situation entstand ein offener Brief und eine Petition unter dem Motto „Rettet Clärchens Ballhaus“. Initiiert von Persönlichkeiten wie Constanze Kleiner, Eugen Blume, Bedriye und Felix Hansen, richtete sich der Appell direkt an den neuen Eigentümer Yoram Roth. Die Petition sammelte zahlreiche Unterschriften und drückte die tiefe Verbundenheit der Menschen mit diesem Ort aus.

In dem offenen Brief wurde Yoram Roth dazu aufgerufen, den Betrieb mit den derzeitigen Betreibern – im Kontext der Petition wurden Lisa und David Regher genannt – aufrechtzuerhalten und deren langjährige Erfahrung, insbesondere im Umgang mit Denkmalschutz und Behörden, zu nutzen. Die Initiatoren betonten die einzigartige Bedeutung von Clärchens Ballhaus als „ehrliche Berlin-Atmosphäre zwischen Gestern und Heute“, als Ort für Geschäftstreffen, Galerierundgänge, aber auch private Feiern wie Junggesellinnenabschiede, Geburtstage oder einfach nur spontane Tanzabende bis in die Morgenstunden. Es sei ein Ort, an dem sich unzählige Menschen zum ersten Mal begegneten, sich küssten und verliebten.

Der Verlust von Clärchens Ballhaus in seiner damaligen Form wurde als „Amputation“ empfunden, der Verlust fast physisch. Die Petition hob hervor, dass Clärchens Ballhaus zwei Weltkriege, das Dritte Reich und die deutsche Teilung überdauert hatte und dank des sensiblen Betriebs seiner damaligen Betreiber zu einem „Fixstern in der neuen Mitte Berlins“ mit internationaler Strahlkraft geworden war. Der Ort sei eine der wenigen funktionierenden Institutionen, die in Berlin-Mitte geblieben sind und nicht an behördlichen Hürden gescheitert sind.

Die Botschaft war klar und leidenschaftlich: „Clärchens Ballhaus ist das starke, alte Herz von Mitte. Bitte sorgen Sie dafür, dass es weithin für alle schlägt!“ Die Petition machte deutlich, wie wichtig die Kontinuität und der Erhalt des bisherigen Konzepts für die Unterstützer waren und wie sehr eine Umwandlung in ein reines Spitzengastronomie-Lokal den Charakter des Ortes verändert hätte.

Neuanfang unter Yoram Roth: 2020 und 2024

Trotz der Befürchtungen und der emotionalen Petition kam es zu Veränderungen, aber nicht zu dem befürchteten Ende. Yoram Roth wählte das Berliner Catering-Unternehmen Berlin Cuisine Jensen GmbH als Partner für den Aufbau einer neuen Gastronomie und als Betreiber der Location. Nach einer Phase der Schließung wurde Clärchens Ballhaus im Juli 2020 unter neuer Führung wiedereröffnet.

Die jüngste und wohl bedeutendste Veränderung fand im Jahr 2024 statt. Unter der Leitung von Investor Yoram Roth wurde das Ballhaus umfassend renoviert. Diese Renovierung führte zu einer Neuausrichtung der Räumlichkeiten und des Konzepts. Im September 2024 wurde das Ballhaus erneut eröffnet und präsentierte sich mit neuen Akzenten.

Eine der auffälligsten Neuerungen ist das Restaurant „Luna D’Oro“. Dieses Restaurant hat seinen Platz auf der ehemaligen Tanzfläche im Erdgeschoss gefunden. Der Name „Luna D’Oro“ ist eine Hommage an die Tänzerin Lisbeth Dorowski, die angeblich unter diesem Künstlernamen in Clärchens Ballhaus aufgetreten sein soll. Die Speisekarte des „Luna D’Oro“ setzt auf deutsche Gerichte, darunter auch einige nostalgische Klassiker wie Wackelpudding und Mettigel, eine bewusste Entscheidung, die an die deutsche Tradition des Ortes anknüpfen soll.

Das Tanzen, das über Jahrzehnte das Herzstück des Erdgeschosses war, findet nun im Spiegelsaal im Obergeschoss statt. Dieser Wechsel verlagert die Tanzaktivitäten in den historisch ebenfalls bedeutenden, aber lange Zeit anders genutzten Saal. Diese Umgestaltung bedeutet eine klare Trennung zwischen Restaurantbetrieb im Erdgeschoss und Tanzveranstaltungen im Obergeschoss.

Wem gehört Clärchens Ballhaus heute?

Aktueller Eigentümer von Clärchens Ballhaus ist Yoram Roth, der das Haus im Sommer 2018 erworben hat. Der Betrieb und die Gastronomie werden seit der Wiedereröffnung im Jahr 2020 vom Berliner Unternehmen Berlin Cuisine Jensen GmbH verantwortet.

Die Geschichte von Clärchens Ballhaus ist eine Geschichte des Überlebens und der Anpassung. Von einem Familienbetrieb, der durch zwei Weltkriege kam und in der DDR privat blieb, über Phasen des Übergangs bis hin zu einer modernen Neuausrichtung unter neuem Eigentümer. Jede Ära hat ihre Spuren hinterlassen, aber der Name Clärchens Ballhaus und seine Bedeutung als Ort der Begegnung in Berlin-Mitte bestehen fort.

Wem gehört Clärchens Ballhaus?
Der über Jahre nur als Lagerraum genutzte Spiegelsaal im Obergeschoss wird seither als Veranstaltungsraum genutzt. Im Sommer 2018 wurde das Haus von Yoram Roth gekauft.

Der Spiegelsaal, einst Lagerraum, ist nun der primäre Ort für Tanz, während das neue Restaurant Luna D’Oro im Erdgeschoss eine neue gastronomische Identität schafft. Die Besorgnis der „Rettet Clärchens“ Bewegung im Jahr 2019 zeigte eindrucksvoll, wie tief der Ort im Bewusstsein der Berliner verankert ist und wie wichtig sein Erhalt in irgendeiner Form ist. Der heutige Zustand, geprägt von den Entscheidungen von Yoram Roth und dem Konzept von Berlin Cuisine, repräsentiert das neueste Kapitel in dieser faszinierenden Geschichte.

Häufig gestellte Fragen zu Clärchens Ballhaus

Wann wurde Clärchens Ballhaus eröffnet?

Clärchens Ballhaus wurde am 13. September 1913 von Fritz und Clara Bühler unter dem Namen Bühlers Ballhaus eröffnet.

Wer ist der aktuelle Eigentümer von Clärchens Ballhaus?

Aktueller Eigentümer ist Yoram Roth, der das Gebäude 2018 gekauft hat.

Wer betreibt Clärchens Ballhaus heute?

Seit der Wiedereröffnung 2020 wird der Betrieb und die Gastronomie von der Berlin Cuisine Jensen GmbH geführt.

Was ist die Luna D'Oro?

Luna D'Oro ist der Name des Restaurants, das nach der Renovierung 2024 auf der ehemaligen Tanzfläche im Erdgeschoss eröffnet wurde. Der Name erinnert an eine Tänzerin.

Kann man in Clärchens Ballhaus noch tanzen?

Ja, Tanzen ist weiterhin möglich, findet aber nach der Renovierung 2024 hauptsächlich im Spiegelsaal im Obergeschoss statt.

Warum gab es 2019 eine Petition für Clärchens Ballhaus?

Die Petition wurde gestartet, als die Schließung des Ballhauses für Sanierungen angekündigt wurde. Es bestand die Sorge, dass eine längere Schließung zum Verlust der Betriebsgenehmigung führen und den Charakter des Ortes unwiederbringlich verändern könnte.

Hat Clärchens Ballhaus den Zweiten Weltkrieg überstanden?

Ja, das Hinterhaus mit den Sälen überstand die Zerstörung, auch wenn das Vorderhaus zerstört wurde. Der Betrieb wurde nach Kriegsende wieder aufgenommen.

War Clärchens Ballhaus in der DDR-Zeit verstaatlicht?

Nein, Clärchens Ballhaus blieb auch während der DDR-Zeit ein Privatbetrieb.

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Bruno Auerei Leimen

Ich heiße Bruno Auerei Leimen und wurde 1979 in Heidelberg geboren. Seit über zwanzig Jahren widme ich mich leidenschaftlich der Entdeckung der kulinarischen Vielfalt Deutschlands. Nach meinem Studium der Literatur und des Journalismus an der Universität München habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Liebe zum Schreiben mit meiner Neugier für authentische regionale Küche zu verbinden. Heute arbeite ich als Gastronomiekritiker, habe drei Bücher über kulinarische Reisen veröffentlicht und schreibe regelmäßig für renommierte Magazine. Besonders schlägt mein Herz für traditionelle Gerichte und handwerklich gebrautes Bier.

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