Die Chinesische Mauer ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Welt, ein Bauwerk von immenser Größe, das sich scheinbar endlos über Hügel und Berge schlängelt. Für viele ist sie das ultimative Symbol Chinas, ein Zeugnis jahrtausendalter Geschichte und menschlicher Schaffenskraft. Doch hinter dem populären Bild verbirgt sich eine komplexere Realität. Die Vorstellung einer einzigen, durchgehenden Mauer, die über China verläuft, entspricht nicht ganz den historischen Fakten. Vielmehr handelt es sich um ein System von Befestigungsanlagen, das über sehr lange Zeiträume und von verschiedenen Dynastien errichtet wurde.

Die Chinesische Mauer, oder wie sie im Chinesischen oft genannt wird, die „10.000 Li lange Mauer“ (Wànlǐ Chángchéng), ist ein faszinierendes Thema, das viele Fragen aufwirft: Wie lang ist sie wirklich? Wo genau liegt sie? Und kann man sie tatsächlich aus dem Weltraum sehen?
Was ist die Chinesische Mauer wirklich? Ein System statt einer einzigen Linie
Der chinesische Name „10.000 Li lange Mauer“ (萬里長城 / 万里长城) verwendet die historische Längeneinheit Li, die etwa 500 Metern entspricht. 10.000 Li wären rechnerisch etwa 5.000 Kilometer. Allerdings ist diese Zahl nicht wörtlich zu nehmen. Im Chinesischen steht die Zahl 10.000 (wàn) oft für eine unzählbare Menge, für Unendlichkeit oder eine sehr große Zahl. Daher ist der Ausdruck eher als „unvorstellbar lange Mauer“ oder „Myriaden-Li-Mauer“ zu verstehen.
Die weit verbreitete Vorstellung, dass die Mauer unter dem ersten chinesischen Kaiser Qin Shihuangdi um 220 v. Chr. als einheitliches Bauwerk begann und die gesamte Nordgrenze sicherte, ist eine Vereinfachung, die durch neuere Forschungen widerlegt wurde. Tatsächlich hat das Errichten von Wällen und Mauern zur Grenzsicherung und -befestigung in China eine sehr lange Tradition, die weit vor der Qin-Dynastie begann. Schon während der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722–481 v. Chr.) und der Zeit der Streitenden Reiche (475 – 221 v. Chr.) bauten einzelne Staaten an ihren Grenzen Befestigungen.
Nachdem sich herausgestellt hat, dass die berühmtesten und am besten erhaltenen Abschnitte der Mauer viel jünger sind als ursprünglich angenommen, ist es in China üblich geworden, alle historisch im Norden Chinas errichteten längeren Grenzbefestigungen – seien es Wälle oder Mauern aus unterschiedlichen Epochen – zusammenfassend als 萬里長城 / 万里長城 (Wànlǐ Chángchéng) oder einfach als 長城 / 长城 (Chángchéng) zu bezeichnen. Im Deutschen hat sich dafür der Begriff „Chinesische Mauer“ durchgesetzt.
Wenn wir also von „der Chinesischen Mauer“ sprechen, meinen wir eigentlich ein komplexes System von Große Mauern, die aus sehr weit auseinanderliegenden Epochen stammen und zu keinem Zeitpunkt ein einziges, durchgehendes Bauwerk darstellten. Die berühmteste und am besten erhaltene Mauer, die den meisten Touristen vor Augen schwebt, ist die Große Mauer der Ming-Zeit (1368–1644). Aber selbst diese „Große Mauer“ ist kein einheitliches Gebilde, sondern wurde über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren in verschiedenen Abschnitten und Bauweisen errichtet.
Eine unvorstellbare Länge: Ausdehnung und Dimensionen
Die schiere Größe des Systems der Chinesischen Mauern ist atemberaubend. Nach den neuesten archäologischen Erhebungen, die das chinesische Amt für Kulturerbe im Juni 2012 veröffentlichte, beträgt die Gesamtlänge aller historisch existierenden Abschnitte unglaubliche 21.196 Kilometer. Diese Zahl umfasst alle Hauptmauern, Nebenmauern, Gräben, Festungen und Türme, die als Teil des Befestigungssystems über die Jahrhunderte gebaut wurden.
Innerhalb dieses riesigen Systems nimmt die Mauer aus der Ming-Zeit eine besondere Stellung ein. Sie gilt, zumindest ihre Hauptmauer mit einer Länge von etwa 2.400 Kilometern, hinsichtlich ihres Volumens und ihrer Masse als das größtes Bauwerk der Welt, das jemals von Menschenhand geschaffen wurde. Man muss sich vorstellen, welche Mengen an Material bewegt und verbaut wurden, um diese gigantische Struktur zu errichten.
Die Chinesische Mauer in ihrer Gesamtheit erstreckt sich über eine riesige geografische Fläche und durchquert 15 chinesische Provinzen, autonome Gebiete und Städte. Dazu gehören bedeutende Regionen wie Peking, Tianjin, Hebei, Shanxi, Innere Mongolei, Liaoning, Jilin, Heilongjiang, Shandong, Henan, Shaanxi, Gansu, Qinghai, Ningxia und Xinjiang. Diese immense Ausdehnung zeigt die strategische Bedeutung der Mauer als Grenzbefestigung gegen Einfälle aus dem Norden.
Ein besonders beeindruckender Abschnitt, der die Vorstellung von der Länge greifbar macht, ist der Bereich zwischen Shanhaiguan an der Küste, Yumenguan und Yangguan im Westen. Dieser Abschnitt ist mit einer Länge von 3.460 Kilometern im Guinness-Buch der Rekorde als „längste Mauer der Welt“ verzeichnet. Obwohl es sich um einen zusammenhängenden Abschnitt handelt, ist es wichtig zu betonen, dass auch dies nur ein Teil des gesamten Mauersystems ist.
Geschichte im Überblick: Von alten Wällen zur Ming-Mauer
Die Wurzeln der Chinesischen Mauer reichen, wie erwähnt, weit zurück in die chinesische Antike. Schon in den Perioden der Frühlings- und Herbstannalen sowie der Streitenden Reiche bauten die einzelnen Fürstentümer Wälle und Befestigungen, um ihre Territorien voneinander und vor allem gegen Nomaden aus dem Norden zu schützen. Nach der Vereinigung Chinas unter Qin Shihuangdi wurde angeblich eine „lange Mauer“ an der Nordgrenze errichtet, die ältere Wälle verband. Diese frühe Qin-Mauer hatte wahrscheinlich einen anderen Verlauf und war anders gebaut als die uns heute bekannten Abschnitte.
Im Laufe der folgenden Dynastien wurden die Befestigungen erweitert, umgebaut, verlegt oder verfielen. Die Strategien zur Grenzsicherung änderten sich. Erst während der Ming-Dynastie (1368–1644) wurde das Mauersystem im Norden in dem Umfang und der Bauweise errichtet, die heute am bekanntesten ist. Die Ming-Kaiser investierten enorme Ressourcen in den Bau und die Verstärkung der Mauer, insbesondere nach militärischen Rückschlägen. Diese Bauarbeiten zogen sich über mehr als ein Jahrhundert hin.
Die Ming-Mauer zeichnet sich durch ihre massive Bauweise aus Ziegeln und Steinen aus, mit Wachtürmen, Signalstationen und Festungen in regelmäßigen Abständen. Sie diente nicht nur als physische Barriere, sondern auch als Kommunikationsweg und Überwachungssystem. Trotz dieser beeindruckenden Bemühungen konnte die Mauer Einfälle nicht immer verhindern, aber sie war ein zentrales Element der Ming-Grenzverteidigung.
Spätere Dynastien, wie die Qing (1644–1911), die selbst aus dem Norden stammten, hatten andere Strategien zur Grenzsicherung und kümmerten sich weniger um den Erhalt der Ming-Mauer. So verfielen viele Abschnitte im Laufe der Zeit. Erst in jüngerer Zeit, insbesondere seit der Gründung der Volksrepublik China, wurde die Bedeutung der Mauer als kulturelles und historisches Erbe erkannt und mit umfangreichen Restaurierungsarbeiten begonnen.
Besichtigung und Tourismus: Die Mauer erleben
Obwohl die Chinesische Mauer ein sehr langes und komplexes System ist, sind bestimmte Abschnitte für Touristen zugänglich gemacht und restauriert worden. Besonders in der Nähe der Hauptstadt Peking, wo sich ein etwa 600 Kilometer langer Abschnitt der Ming-Mauer befindet, der größtenteils in einem guten Zustand ist, gibt es mehrere beliebte Orte zur Besichtigung.
Vier Hauptabschnitte bei Peking sind touristisch erschlossen und ziehen jedes Jahr Millionen von Besuchern an:
- Badaling: Dies ist der bekannteste und am stärksten frequentierte Abschnitt, etwa 70 km nordwestlich von Peking. Er ist sehr gut restauriert, breit und leicht begehbar, aber oft sehr voll.
- Mutianyu: Dieser Abschnitt liegt nordöstlich von Peking und ist ebenfalls sehr gut restauriert. Er ist oft etwas weniger überlaufen als Badaling und bietet beeindruckende Ausblicke sowie eine Seilbahn und eine Rodelbahn.
- Simatai: Simatai ist bekannt für seinen eher ursprünglichen und steilen Charakter. Er gilt als einer der schönsten Abschnitte, ist aber anspruchsvoller zu begehen. Nur ein Teil ist öffentlich zugänglich.
- Juyongguan: Dieser Abschnitt liegt in einem wichtigen Pass und ist eher eine Festungsanlage als eine reine Mauer. Er ist gut restauriert und historisch bedeutsam.
Aufgrund des großen touristischen Interesses gibt es Pläne, die Kapazitäten an den Abschnitten bei Mutianyu und Badaling zu erweitern. Gleichzeitig sollen neue, bisher weniger bekannte Abschnitte wie Huanghuacheng (bekannt für die Mauer am Wasser) und Hefangkou für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und touristisch erschlossen werden. Die ständige staatliche Finanzierung sorgt dafür, dass die restaurierten Abschnitte erhalten bleiben, während gleichzeitig Anstrengungen unternommen werden, auch die „wilden“ Abschnitte zu schützen.
Der Mythos der Sichtbarkeit aus dem Weltraum
Eine der hartnäckigsten Behauptungen über die Chinesische Mauer ist, dass sie das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk sei, das man mit mit bloßem Auge vom Mond oder zumindest aus der Erdumlaufbahn sehen könne. Diese Behauptung ist ein Mythos.
Physikalisch gesehen ist für die Erkennbarkeit eines Objektes aus großer Entfernung nicht seine Länge entscheidend, sondern seine Breite und der Kontrast zur Umgebung. Die Chinesische Mauer ist im Durchschnitt nur wenige Meter breit – vergleichbar mit einer Autobahn oder einer Start- und Landebahn eines Flughafens. Aus einer Höhe von mehreren hundert Kilometern oder gar vom Mond (der etwa 380.000 km entfernt ist) ist ein so schmales Objekt für das menschliche Auge nicht auflösbar.
Zahlreiche Astronauten haben die Erde aus dem Weltraum betrachtet und übereinstimmend berichtet, dass die Chinesische Mauer mit bloßem Auge nicht sichtbar ist. Der erste chinesische Raumfahrer, Yang Liwei, sagte nach seinem Flug im Jahr 2003 ausdrücklich: „Die Aussicht war wunderschön. Aber ich konnte die Chinesische Mauer nicht sehen.“ Auch der US-amerikanische Astronaut James Irwin erklärte bereits nach seiner Apollo-15-Mission, es sei unmöglich, die Mauer zu sehen.
Während die Mauer mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, kann sie unter sehr guten Bedingungen und mit optischen Hilfsmitteln fotografiert werden. Leroy Chiao gelang 2005 von der Internationalen Raumstation ISS aus eine Fotografie der Mauer. Er benutzte dafür eine handelsübliche Kamera mit einem Teleobjektiv. Doch auch er war sich beim Fotografieren nicht sicher, ob er die Mauer im Sucher hatte, und bestätigte, dass er sie mit bloßem Auge nicht ausmachen konnte. Was man unter bestimmten Lichtverhältnissen aus großer Höhe eventuell sehen könnte, wäre der Schatten der Mauer, wenn die Sonne tief steht und ein breites Schattenband erzeugt, aber nicht die Mauer selbst.
Die Behauptung, die Mauer sei vom Mond aus sichtbar, ist noch absurder. Die Entfernung zum Mond ist so gigantisch, dass selbst Kontinente nur als Umrisse erkennbar sind. Ein schmales Bauwerk wie die Mauer ist schlichtweg unsichtbar.
Länge im Überblick
Um die verschiedenen Längenangaben besser zu verstehen, hier eine kleine Übersicht:
| Definition | Länge (ca.) |
|---|---|
| Gesamtlänge aller historischen Mauern, Wälle und Befestigungen (Erhebung 2012) | 21.196 km |
| Hauptmauer der Ming-Zeit (der berühmteste Teil) | 2.400 km |
| Längster zusammenhängender Abschnitt (zwischen Shanhaiguan, Yumenguan und Yangguan, laut Guinness-Buch) | 3.460 km |
Beliebte Abschnitte bei Peking
Wenn Sie planen, die Chinesische Mauer zu besuchen, sind die Abschnitte in der Nähe von Peking die beliebtesten und am besten zugänglichen. Hier eine Übersicht:
| Abschnitt | Zustand / Status | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Badaling | Sehr gut restauriert, stark frequentiert | Der bekannteste Abschnitt, sehr leicht zugänglich, oft sehr voll. Pläne zur Erweiterung. |
| Mutianyu | Sehr gut restauriert, gut zugänglich | Etwas weniger überlaufen als Badaling, landschaftlich reizvoll, Seilbahn und Rodelbahn vorhanden. Pläne zur Erweiterung. |
| Simatai | Teilweise restauriert, anspruchsvoller | Gilt als einer der schönsten und ursprünglicheren Abschnitte. Nur ein Teil ist geöffnet. |
| Juyongguan | Gut restauriert, Festungsanlage | Historisch wichtiger Pass, eher eine Festung mit Mauerabschnitten. |
| Huanghuacheng | Teilweise restauriert, teils wild | Bekannt für die Mauer, die durch einen See verläuft. Pläne zur touristischen Erschließung. |
| Hefangkou | Teilweise wild | Ein weniger bekannter, ursprünglicher Abschnitt. Pläne zur touristischen Erschließung. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist die Chinesische Mauer ein einziges Bauwerk?
Nein, die "Chinesische Mauer" ist eigentlich ein Sammelbegriff für ein System historischer Grenzbefestigungen, die über Jahrhunderte von verschiedenen Dynastien in unterschiedlichen Abschnitten und Bauweisen errichtet wurden. Die berühmteste und am besten erhaltene ist die Mauer aus der Ming-Zeit.
Wie lang ist die Chinesische Mauer insgesamt?
Nach archäologischen Erhebungen aus dem Jahr 2012 beträgt die Gesamtlänge aller historischen Abschnitte beeindruckende 21.196 Kilometer.
Kann man die Chinesische Mauer aus dem Weltraum sehen?
Der weit verbreitete Mythos, dass die Mauer das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk ist, das mit bloßem Auge aus dem Weltraum sichtbar ist, stimmt nicht. Astronauten haben bestätigt, dass sie die Mauer aus der Erdumlaufbahn nicht ohne Hilfsmittel erkennen konnten. Die Breite der Mauer ist im Verhältnis zur Entfernung zu gering.
Welche Abschnitte der Chinesischen Mauer kann ich als Tourist besuchen?
In der Nähe von Peking gibt es mehrere restaurierte und für Touristen zugängliche Abschnitte. Die bekanntesten sind Badaling, Mutianyu, Simatai und Juyongguan. Es gibt auch Pläne, weitere Abschnitte wie Huanghuacheng und Hefangkou für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Warum wurde die Chinesische Mauer gebaut?
Die verschiedenen Mauern und Befestigungen wurden im Laufe der Jahrhunderte hauptsächlich zum Schutz der chinesischen Staaten und Dynastien vor Invasionen und Überfällen nomadischer Völker aus dem Norden errichtet.
Ist die Chinesische Mauer ein UNESCO-Weltkulturerbe?
Ja, die Große Mauer (speziell die Mauer der Ming-Zeit) wurde 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, als Anerkennung ihrer immensen historischen und kulturellen Bedeutung.
Fazit
Die Chinesische Mauer ist weit mehr als nur eine lange Mauer. Sie ist ein komplexes historisches System von Befestigungen, das die Geschichte Chinas über Jahrtausende widerspiegelt. Ihre beeindruckende Länge, die verschiedenen Bauweisen und Epochen sowie die Mythen, die sich um sie ranken, machen sie zu einem der faszinierendsten Bauwerke der Welt. Ein Besuch eines der zugänglichen Abschnisse ist ein unvergessliches Erlebnis, das die schiere Größe und den historischen Kontext dieses monumentalen Erbes greifbar macht.
Hat dich der Artikel Chinesische Mauer: Mythos, Länge und Besuch interessiert? Schau auch in die Kategorie Gastronomie rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
