Die Steinbachtalsperre, idyllisch südlich von Kirchheim in der Eifel gelegen, ist mehr als nur ein Stausee. Sie ist ein Bauwerk mit Geschichte, das in jüngster Zeit durch ein dramatisches Ereignis in den Fokus der Öffentlichkeit geriet: das Hochwasser im Juli 2021, das beinahe zu einer Katastrophe geführt hätte.

Ursprünglich wurde die Talsperre von 1934 bis 1936 erbaut, um die Wasserversorgung der damaligen Tuchindustrie sicherzustellen, die ihren Bedarf aus den natürlichen Bachläufen nicht mehr decken konnte. Probleme mit Prozesswasser durch Bergbauabwässer und unzureichendes Wasserdargebot für Antriebszwecke machten den Bau notwendig. Der Bau diente zudem als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme während der Weltwirtschaftskrise. Es entstand ein sogenannter „Spardamm“ mit einem Lehmkern. Bereits 1935 wurde erstmals Wasser entnommen und über ein 16 km langes Rohrnetz nach Euskirchen und Kuchenheim transportiert. Schäden am Damm traten bereits in den Wintern 1941/42 und 1943/44 auf.
Sanierung und Betrieb
Aufgrund der einfachen Bauweise konnte die Erosionsstabilität des Dammes nie abschließend nachgewiesen werden. Einbrüche auf der Dammkrone in den frühen 1980er Jahren deuteten auf innere Erosion hin. Dies führte zu einer Reduzierung des Betriebsstauzieles und Anpassungen am Überlaufturm. Auch die Kapazität der Hochwasserentlastung wurde als unzureichend eingestuft. Die Bezirksregierung Köln ordnete daraufhin die Entleerung an.
Von September 1988 bis April 1990 erfolgte unter dem neuen Träger Wasserversorgungsverband Euskirchen-Swisttal (WES) eine umfassende Sanierung. Dabei wurde der Überlaufturm durch einen Hangüberfall mit geschlossenem Ablaufkanal ersetzt, ausgelegt für ein tausendjährliches Hochwasser. Der Grundablass wurde ebenfalls erneuert. Die wasserseitige Böschung erhielt eine Verstärkung und eine doppelte Asphaltbetondichtung. Ein Kontrollgang wurde integriert. Das Dauerstauziel lag nun auf Höhe des Vollstaus bei 278,7 m ü. NN. Seit 2014 wird der operative Betrieb vom regionalen Versorgungsunternehmen e-regio durchgeführt.
Der Betriebsplan sah die Regulierung des Steinbachs vor. Brauchwasser wurde an regionale Industriekunden und Landwirte abgegeben, wobei die abgegebene Menge seit den 1980er Jahren deutlich zurückging. Ein Außergewöhnlicher Hochwasserrückhalteraum war genehmigt. Seit Mitte der 2010er Jahre strebte der Betreiber sogar ein niedrigeres Stauziel an, um zusätzlichen Hochwasserrückhalteraum zu schaffen.
Das kritische Hochwasser im Juli 2021
Im Juli 2021 kam es zu einem extremen Starkregenereignis in der Eifel. Der Wetterbericht hatte massive Regenmengen vorhergesagt. Im Einzugsgebiet der Steinbachtalsperre fielen 178 mm Regen. Dies führte zu einem rapiden Anstieg des Wasserspiegels.
Gegen 16:35 Uhr war der Vollstau erreicht und wurde schnell überschritten. Um 17 Uhr wurde bereits ein Abfluss von 0,3 m³/s über die Hochwasserentlastung gemeldet. Ab 18:10 Uhr informierte der Betreiber die Katastrophenschutzbehörde und die Bezirksregierung über die drohende Überströmung. Kurz darauf stand fest, dass die Überflutung unvermeidlich war. Gegen 20 Uhr wurde die Dammkrone überspült. In der Spitze flossen ca. 69 m³/s ab und der Wasserspiegel lag etwa 0,40 m über der Dammkrone.
Die Folgen waren dramatisch: Durch das überströmende Wasser erodierten auf 134 Metern Breite Flutrinnen in die luftseitige Böschung. Dieser Materialabtrag führte zu einer akuten Einsturzgefahr des Erdschüttdammes. Es bestand unmittelbare Lebensgefahr für die unterhalb gelegenen Ortschaften.

Evakuierung unter Hochdruck
Ab 21 Uhr begann die Evakuierung der gefährdeten Gebiete. Die Telekommunikations- und Stromversorgung war in vielen Orten ausgefallen, was die Maßnahmen erschwerte. Hubschrauber und Boote wurden eingesetzt, um die Räumungsaufforderungen zu übermitteln und beim Transport zu helfen. Im Kreis Euskirchen waren zunächst 4.500 Menschen betroffen, später weitere Orte. Im Rhein-Sieg-Kreis wurden ca. 7.700 Menschen aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Auch in der Stadt Rheinbach mussten etwa 1.900 Menschen evakuiert werden. Die Evakuierung von rund 15.000 Menschen war eine logistische Herausforderung, die durch teilweise widersprüchliche Meldungen der beteiligten Behörden und Hilfsorganisationen erschwert wurde.
Rettungsmaßnahmen und Stabilisierung
Während die Evakuierung lief, begannen die Bemühungen, den Wasserstand in der Talsperre abzusenken. Das Technische Hilfswerk (THW) und die Feuerwehr setzten Pumpen ein. Die anfängliche Pumpenleistung von etwa 1,2 m³/s reichte jedoch nicht aus, um den Wasserstand signifikant zu senken, da die Zulaufmenge höher war.
Am Nachmittag des Folgetages konnte der Ablauf des Grundablasskanals freigebaggert werden. Gegen 18:30 Uhr gelang es, die Schieber im Grundablass unter dem Damm elektrisch zu öffnen. Dadurch konnten nun ca. 3 bis 6 m³/s abfließen. Mit diesem deutlich höheren Abfluss wurde die Lage beherrschbar und die Gefahr eines Dammbruchs begann zu sinken. Die Pumpenleistung wurde weiter erhöht. Am dritten Tag nach dem Ereignis wurde die Talsperre von der Bezirksregierung als sicher erklärt und die Evakuierungen konnten schrittweise aufgehoben werden.
Aktueller Zustand und Zukunft
Nach dem Hochwasser blieb die Steinbachtalsperre unbefüllt. Um die Sicherheit zu gewährleisten und ein erneutes unbeabsichtigtes Aufstauen zu verhindern, wurde Ende Juli 2021 ein 7,50 m breiter Schlitz in den Damm geschlagen. Eine große Dammscharte lässt das Wasser seither ungehindert abfließen. Ein erneuter Anstau wurde zunächst untersagt.
Grundsätzlich besteht der politische Wunsch, die Talsperre wiederaufzubauen und den See erneut aufzustauen. Ein entsprechender Beschluss wurde bereits gefasst. Allerdings muss das Bauwerk gemäß aktueller Richtlinien erdbebensicher sein, was ein neues Genehmigungsverfahren erfordert. Die Erarbeitung der notwendigen Dokumente wurde begonnen, ein konkretes Startdatum für den Bau ist jedoch noch nicht bekannt. Die Bauzeit wird auf etwa 15 Monate geschätzt.
Im Jahr 2024 wurde entschieden, dass die Talsperre zukünftig wieder zu 75 Prozent gefüllt werden soll, vorausgesetzt, die Genehmigung durch die Bezirksregierung Köln wird erteilt.
Freizeit und Erholung
Auch als Naherholungsgebiet hat die Steinbachtalsperre eine Bedeutung, auch wenn die wasserbezogenen Möglichkeiten seit Juli 2021 stark eingeschränkt sind. Am See befindet sich das Wald-Freibad Steinbach, das 1936 errichtet und seitdem erweitert wurde. Es steht seit 2009 unter Denkmalschutz und wird von einem Förderverein unterstützt. Pläne aus den frühen 2000er Jahren, das Bad zugunsten eines Forschungszentrums zu schließen, wurden nicht umgesetzt.

Um den Stausee führt ein asphaltierter Lehrpfad, der zu Spaziergängen einlädt. Im bis zu 17,4 m tiefen See ist Angeln möglich. Bootfahren, Windsurfen und Schwimmen auf dem See selbst sind nicht erlaubt. Seit 1987 wird jährlich der Silvesterlauf „Rund um die Steinbachtalsperre“ auf dem Rundweg veranstaltet.
Häufig gestellte Fragen
Was ist beim Hochwasser 2021 mit der Steinbachtalsperre passiert?
Nach massivem Starkregen wurde die Dammkrone überspült, was zu starker Erosion auf der luftseitigen Böschung führte und die Talsperre einsturzgefährdet machte. Eine großflächige Evakuierung der unterliegenden Gebiete wurde notwendig.
Wird die Steinbachtalsperre wieder befüllt?
Ja, es besteht der politische Wille, die Talsperre wiederaufzubauen und aufzustauen. Eine Entscheidung sieht eine zukünftige Befüllung auf 75 Prozent des Volumens vor, vorbehaltlich der notwendigen Genehmigungen und Bauarbeiten.
Wem gehört die Steinbachtalsperre?
Die Talsperre wurde ursprünglich vom Zweckverband Steinbachtalsperre errichtet. Seit der Sanierung in den späten 1980er Jahren ist der Wasserversorgungsverband Euskirchen-Swisttal (WES) der Träger. Der operative Betrieb wird von e-regio durchgeführt.
Warum wurde die Talsperre ursprünglich gebaut?
Die Talsperre wurde in den 1930er Jahren zur Sicherstellung der Wasserversorgung für die Tuchindustrie in Euskirchen und Kuchenheim gebaut und diente gleichzeitig als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Welche Freizeitmöglichkeiten gibt es an der Steinbachtalsperre?
Es gibt das Wald-Freibad, einen Rundweg zum Spazierengehen, und Angeln im See ist erlaubt. Bootfahren, Windsurfen und Schwimmen auf dem See sind nicht gestattet.
Die Geschichte der Steinbachtalsperre zeigt die Bedeutung solcher Bauwerke für die regionale Infrastruktur und Wirtschaft, aber auch die Risiken, die extreme Naturereignisse mit sich bringen können. Der Wiederaufbau wird ein wichtiges Projekt für die Sicherheit und die Zukunft der Region sein.
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