Die Küche ist oft das Herzstück eines Zuhauses, ein Ort des Kochens, Essens und der Zusammenkunft. Doch blicken wir zurück in die späten 1920er Jahre, so war die Vorstellung von diesem Raum eine radikal andere. In Frankfurt am Main entstand in dieser Zeit ein Design, das die Art und Weise, wie wir über Küchen denken, für immer verändern sollte: die Frankfurter Küche.

Dieses unscheinbare, oft in weißgrau gehaltene Designobjekt, das heute in Museen wie dem Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin oder dem MAK Wien zu sehen ist, war bei seiner Vorstellung 1927 auf der Frankfurter Frühjahrsmesse eine Sensation. Entworfen von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, verkörperte sie die Leitbegriffe der Zeit: Funktionalität und Standardisierung. Mehr als zehntausend Exemplare wurden in den von Stadtbaurat Ernst May errichteten Siedlungen eingebaut, um breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zu günstigen und zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen zu ermöglichen.
Warum die Frankfurter Küche entstand: Ein soziales Projekt
Die Entstehung der Frankfurter Küche ist eng mit dem ambitionierten Wohnungsbauprogramm des „Neuen Frankfurt“ unter Ernst May verbunden. In der Nachkriegszeit der 1920er Jahre herrschte Wohnungsnot, und es galt, schnell und kostengünstig qualitativ hochwertigen Wohnraum für Arbeiter und kleine Angestellte zu schaffen. Margarete Schütte-Lihotzky wurde beauftragt, die Wohnungen im Hinblick auf die Rationalisierung der Hauswirtschaft zu planen. Die damalige Realität vieler Frauen, insbesondere derjenigen, die neben der Hausarbeit noch einer Berufstätigkeit nachgingen, war von enormer Überlastung geprägt.
Das Ziel war klar: Die Arbeit in der Küche sollte so effizient wie möglich gestaltet werden. Man betrachtete die Küche nicht primär als Wohnraum, sondern als reinen Arbeitsplatz, ein „Kochbetrieb“ oder „Kochlaboratorium“. Dieser Gedanke war stark vom Taylorismus beeinflusst, einem System zur Optimierung von Arbeitsabläufen durch Zeit- und Bewegungsstudien. Christine Frederick hatte dieses Prinzip bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Haushalt übertragen. Margarete Schütte-Lihotzky griff diese Ideen auf und übertrug sie konsequent auf die Küchenplanung. Jeder Handgriff wurde analysiert, die Wege minimiert, um die „größte Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand“ zu erzielen.
Ursprüngliche Ideen für größere Wohnküchen wurden aus Geldmangel verworfen. Stattdessen entschied man sich für kleine, komplett eingerichtete Arbeitsküchen. Diese waren durch eine breite Schiebetür mit dem Wohnraum verbunden, in dem gegessen wurde, und bildeten so dennoch eine funktionale Einheit. Die geringen Ausmaße des Raumes machten die Verwendung herkömmlicher, oft unpassender Küchenmöbel unmöglich. Dies führte zur Entwicklung maßgefertigter Einbaumöbel.
Durch die Reduzierung des Raumvolumens und die Standardisierung der Module, die eine industrielle Fertigung in großem Maßstab ermöglichte, konnten die Baukosten erheblich gesenkt werden. Die Kosten für die komplette Kücheneinrichtung wurden auf die Miete umgelegt, was sie für die Mieter erschwinglich machte, da die Anschaffung separater Küchenmöbel entfiel. Zwischen 1926 und 1930 wurden rund 10.000 Wohnungen in Frankfurt mit dieser innovativen Küche ausgestattet.
Design und Funktionalität: Ein Blick ins Detail
Die Frankfurter Küche war ein Meisterwerk der Raumnutzung und Arbeitsoptimierung. Das Grundkonzept basierte auf einer L-förmigen Anordnung der Schränke und Arbeitsgeräte, mit einem relativ kleinen, freien Aktionsraum davor. Alles war in Reichweite platziert, um unnötige Wege und Bücken zu vermeiden.
Zentrale Elemente waren die Spüle und der Herd. In manchen Versionen gab es ein Doppelbecken aus Keramik, das paralleles Spülen und Gemüsewaschen ermöglichte. Die Abtropffläche aus Aluminium war mit Längsrillen versehen und neigte sich zum Becken, sodass das Geschirr einfach abtropfen konnte – das mühsame Abtrocknen wurde überflüssig.
Ein besonders charakteristisches Merkmal der Frankfurter Küche waren die ausziehbaren Aluminiumschütten für trockene Lebensmittel wie Linsen, Erbsen, Grieß, Zucker, Haferflocken, Maccaroni oder Reis. Diese waren beschriftet und ermöglichten einen schnellen Zugriff, ohne Gläser oder Behälter vom Regal nehmen und öffnen zu müssen. Ursprünglich gab es ein separates Möbelstück mit 18 Schütten, später wurden oft 12 Schütten in den hohen Schrank integriert.
Die Arbeitsflächen waren robust, oft mit Linoleum beschichtet. Die Hauptarbeitsplatte war meist vor dem Fenster platziert, um das Tageslicht optimal zu nutzen. In einigen Ausführungen gab es am Rand eine Aussparung mit einer darunterliegenden Schütte, in die Gemüseabfälle direkt geschoben werden konnten – ein frühes Beispiel für integrierte Abfallentsorgung.

Die Griffe der Schubladen waren ebenfalls durchdacht: keilförmige Holzgriffe, die man von unten fasste, was das Öffnen mit einer Hand erleichterte und das Hängenbleiben reduzierte, anders als bei den Emailknäufen der damals üblichen Büffetschränke.
Das Prinzip der Bewegungsfreiheit und der Flexibilität durchdringt das gesamte Design. Zahlreiche Elemente konnten bei Bedarf hervorgezogen oder heruntergeklappt werden und verschwanden, wenn sie nicht gebraucht wurden. Ein Drehhocker konnte unter die hochklappbare Arbeitsplatte geschoben werden, und ein Bügelbrett ließ sich herunterklappen, um Arbeitspausen effizient zu nutzen.
Selbst Details wie die Hängeschränke waren optimiert: Sie hatten Schiebetüren statt Flügeltüren, die sich störend in den Weg stellen könnten. Im Topfschrank gab es Stangen mit Rillen, um die Deckel platzsparend unterzubringen.
Die Materialien waren einfach und zweckmäßig: lackiertes Holz für die Schrankwände, Aluminium für die Schütten und Griffe, Linoleum für Arbeitsflächen. Dies stand im Gegensatz zu den später beliebten edlen Hölzern oder glitzernden Edelstahlgriffen. Die Farbgebung war ursprünglich oft ein leuchtendes Blaugrün, das jedoch in vielen erhaltenen Exemplaren überstrichen wurde.
Taylorismus in der Küche
Die Frankfurter Küche war ein direktes Ergebnis der Anwendung von Prinzipien des wissenschaftlichen Managements, insbesondere des Taylorismus, auf den Haushalt. Ziel war es, die Hausarbeit zu rationalisieren und die Effizienz zu steigern. Margarete Schütte-Lihotzky und andere Küchenspezialisten führten Zeitstudien durch, um die optimalen Arbeitsabläufe und die ideale Anordnung der Geräte zu ermitteln. Es ging darum, jeden unnötigen Schritt und jeden überflüssigen Handgriff zu eliminieren. Die Küche wurde als Miniaturfabrik betrachtet, in der die Hausfrau die Rolle einer effizienten Arbeiterin einnahm. Diese strikt rationale Herangehensweise war damals revolutionär und prägte die Gestaltung des Raumes maßgeblich.
Produktion und Kosten
Die Standardisierung der Frankfurter Küche war der Schlüssel zu ihrer massenhaften Verbreitung und Erschwinglichkeit. Das Modulsystem ermöglichte eine serielle Fertigung in Holzwerkstätten nach Prinzipien der Fließbandarbeit. Die einzelnen Module wurden in Fabriken hergestellt und von Tischlern vor Ort eingebaut. Zu Beginn kostete eine Küche etwa 500 Mark, aber durch die hohen Stückzahlen und die Optimierung der Produktion sanken die Kosten auf etwa 238,50 Mark pro Einheit in größeren Siedlungen. Diese Kosten wurden, wie bereits erwähnt, auf die Miete umgelegt. Dies war für die Mieter tragbar und ersparte ihnen die hohe Anfangsinvestition für Küchenmöbel.
Die Rezeption damals und heute
Trotz ihrer revolutionären Funktionalität stieß die Frankfurter Küche nicht bei allen Bewohnern sofort auf Gegenliebe. Einige empfanden sie als zu starr und ungemütlich. Die strikte Trennung vom Wohn- und Essbereich, die rein funktionale Gestaltung ohne Platz für persönliche Gegenstände oder Dekoration, und die Tatsache, dass sie als Arbeitsplatz für eine Person konzipiert war (eine Haushaltshilfe war explizit nicht vorgesehen), passten nicht zu allen Lebensgewohnheiten. Technische Probleme, wie das Eindringen von Feuchtigkeit in die Aluminiumschütten oder der Platzmangel bei geöffneten Schranktüren (bei Varianten ohne Schiebetüren), trugen ebenfalls zur Kritik bei.
Die Stadtverwaltung versuchte, die Akzeptanz durch Hausfrauenabende zu fördern und die Vorteile der Arbeitsersparnis zu vermitteln. Doch die Küche erforderte eine beträchtliche Umstellung der traditionellen Wohnkultur.
Nach dem Ende des Wohnungsbauprogramms geriet die Frankfurter Küche zunächst etwas in Vergessenheit, auch wenn ihre Prinzipien (z.B. Standardisierung, Einbaumöbel) die Entwicklung nachfolgender Küchen beeinflussten. Ab den 1970er Jahren wuchs das Interesse wieder, und die Frankfurter Küche wurde als Klassiker des modernen Designs anerkannt. Ihre Bedeutung für die Rationalisierung des Haushalts und als Vorbild der modernen Einbauküche wurde gewürdigt.

Eine interessante Perspektive bot die feministische Bewegung der 1970er und 80er Jahre, die die Frankfurter Küche kritisch betrachtete. Da der Raum nur für eine Person konzipiert war, wurde argumentiert, dass sie die Hausfrau in einen engen Arbeitsraum „einsperrte“ und somit zu ihrer Isolation beitrug, anstatt sie tatsächlich zu entlasten und ihr mehr soziale Teilhabe zu ermöglichen.
Heute, da die Küche wieder als zentraler Ort des Familienlebens und der Geselligkeit idealisiert wird, mag die rein funktionale, fast klinische Konzeption der Frankfurter Küche befremdlich wirken. Doch ihre Bedeutung als Meilenstein in der Geschichte des Designs und der Sozialgeschichte ist unbestritten. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Architektur und Design den Alltag und sogar soziale Strukturen prägen können.
Wo kann man die Frankfurter Küche heute sehen?
Mehrere Museen weltweit besitzen Exemplare der Frankfurter Küche. Besonders erwähnenswert sind:
- Werkbundarchiv - Museum der Dinge, Berlin: Hier ist eine originale Frankfurter Küche aus den späten zwanziger Jahren ausgestellt, die aus einem Reihenhaus in der Frankfurter Römerstadt-Siedlung stammt. Sie wurde mitsamt originalem Fenster eingebaut, um einen realistischen Eindruck des Raumes zu vermitteln.
- MAK - Museum für angewandte Kunst, Wien: Das MAK besitzt einen Nachbau der Frankfurter Küche, der in den Jahren 1989/90 in enger Zusammenarbeit mit Margarete Schütte-Lihotzky selbst entstand. Dieser Nachbau basiert auf ihren Erinnerungen und programmatischen Überzeugungen und steht somit zwischen Kopie und Original.
Der Besuch dieser Museen bietet eine einzigartige Gelegenheit, dieses ikonische Designobjekt im Original oder als originalgetreuen Nachbau zu erleben und seine revolutionäre Konzeption aus erster Hand zu verstehen.
Häufig gestellte Fragen zur Frankfurter Küche
Was ist die Frankfurter Küche?
Die Frankfurter Küche ist ein standardisiertes und funktional gestaltetes Küchensystem, das Ende der 1920er Jahre von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky für das Wohnungsbauprogramm „Neues Frankfurt“ entworfen wurde. Sie gilt als Prototyp der modernen Einbauküche.
Wer hat die Frankfurter Küche entworfen?
Die Frankfurter Küche wurde von der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) entworfen.
Warum wurde die Frankfurter Küche entwickelt?
Sie wurde entwickelt, um die Hausarbeit, insbesondere das Kochen, zu rationalisieren und zu erleichtern. Im Rahmen des Frankfurter Wohnungsbauprogramms sollte sie breiten Bevölkerungsschichten Zugang zu günstigen, zweckmäßigen Wohnungen mit effizienten Küchen ermöglichen und so Zeit für die berufstätige Frau sparen.
Was waren die wichtigsten Merkmale der Frankfurter Küche?
Wichtige Merkmale waren die L-förmige Anordnung der Elemente, die Minimierung von Wegen und Handgriffen, ausziehbare Aluminiumschütten für Vorräte, klappbare und ausziehbare Arbeitsflächen, eine effiziente Spülzone und die Verwendung einfacher, standardisierter Materialien.
Warum galt die Frankfurter Küche als modern und revolutionär?
Sie war revolutionär, weil sie erstmals wissenschaftliche Managementprinzipien (Taylorismus) auf den Haushalt übertrug, die Küche als reinen Arbeitsraum definierte, auf Standardisierung und industrielle Fertigung setzte und den Grundstein für die moderne Einbauküche legte. Sie bot Arbeitsersparnis und war durch die Integration in die Baukosten erschwinglich.
Wo kann man eine Frankfurter Küche besichtigen?
Originale oder originalgetreue Nachbauten der Frankfurter Küche können unter anderem im Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin und im MAK - Museum für angewandte Kunst in Wien besichtigt werden.
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