Was gibt es im belgischen Viertel in Köln?

Kölns Belgisches Viertel: Geschichte & Charme

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Das Belgische Viertel in Köln ist weit mehr als nur eine Ansammlung von Straßen; es ist ein lebendiges Stück Stadtgeschichte und heute eines der pulsierendsten und begehrtesten Viertel Kölns. Gelegen in der südlichen Neustadt-Nord, zeichnet sich dieses Viertel durch seinen einzigartigen Charakter und seine besondere Atmosphäre aus. Sein Name allein erzählt bereits eine Geschichte, denn die Straßennamen sind eine Hommage an belgische Provinzen und Städte wie Antwerpen, Gent, Brüssel und Lüttich, ergänzt durch Verweise auf niederländische Städte wie Maastricht, Venlo und Utrecht. Diese Benennung ist kein Zufall, sondern tief in der Entstehungsgeschichte des Viertels verwurzelt und verleiht ihm eine unverwechselbare Identität, die Besucher und Bewohner gleichermaßen schätzen.

Was gibt es im belgischen Viertel in Köln?
Im Einzelnen sind dies die Städte Antwerpen, Gent, Brüssel und Lüttich sowie die Provinzen Brabant, Limburg und die Region Flandern. Außerdem verweisen die Maastrichter, Venloer und Utrechter Straße auf niederländische Städte.

Die Ursprünge: Vom mittelalterlichen Bischofsweg

Bevor das Belgische Viertel zu dem wurde, was es heute ist, war das Gebiet eine weitläufige, unbebaute Fläche außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern Kölns. Ein wichtiger Orientierungspunkt in dieser Zeit war der sogenannte Bischofsweg. Teile der heutigen Brüsseler Straße und Moltkestraße verlaufen auf diesem alten mittelalterlichen Weg, der einst die Grenze der Stadt markierte. Der Kurfürst betrachtete den Bischofsweg, der in einem Abstand von etwa 250 bis 800 Metern vor der Stadtmauer verlief, als die offizielle Grenze des städtischen Einflussbereichs. Dieses Gebiet zwischen der Stadtmauer und dem Bischofsweg war primär landwirtschaftlich geprägt.

Innerhalb dieses Areals dominierte zunächst der Gartenbau, insbesondere der Anbau von Gemüse und Wein auf kleinen, sorgfältig abgegrenzten Parzellen. Weiter außerhalb, im sogenannten Burgbannbezirk, herrschten Ackerbau und Viehzucht vor. Es gab nachweislich bis in die späte mittelalterliche Zeit (seit 1474/75) keine dauerhafte Besiedlung in diesem landwirtschaftlichen Bereich. Das spätere Belgische Viertel blieb bis zur Gründerzeit, also bis zum späten 19. Jahrhundert, praktisch unbesiedeltes Land. Der Bischofsweg umfasste ein beträchtliches Grundstücksareal von 368 Hektar, das lange Zeit als Pufferzone und landwirtschaftlich genutzte Fläche diente, unfähig zur urbanen Entwicklung aufgrund der militärischen Bedeutung des Geländes vor den Festungsmauern.

Die Geburtsstunde in der Gründerzeit: Kölns Expansion

Die entscheidende Wende für das Gebiet des heutigen Belgischen Viertels kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit der Aufhebung der Festungseigenschaft Kölns und dem rasanten Wachstum der Stadt wurde eine Stadterweiterung dringend notwendig. Der mittelalterliche Bischofsweg, der in der Franzosenzeit ab 1799 die Grenze zwischen den Kantonen Weiden und Köln gebildet hatte, wurde im November 1883 schließlich als Stadtgrenze aufgegeben. Dies öffnete das Tor für eine groß angelegte städtebauliche Entwicklung.

Stadtbaumeister Josef Stübben legte am 14. Oktober 1881 wegweisende Pläne für die Stadterweiterung vor. Sein Auftrag war monumental: die weitgehende Niederlegung der Mauern der mittelalterlichen Stadtbefestigung mit ihren zwölf Toren und die Anlage eines neuen, großzügigen und repräsentativen Ringboulevards an ihrer Stelle. Der erste Durchbruch der Stadtmauer am Gereonswall am 18. Juni 1881 markierte den Beginn dieser neuen Ära. Der Abriss der Mauern ermöglichte es der stetig wachsenden Stadt, sich endlich auf das bisher unbebaute Gelände im Gebiet der heutigen Kölner Neustadt auszudehnen, für das zuvor ein striktes Bebauungsverbot bestanden hatte.

Interessanterweise hatte der Kölner Architekt Carl August Philipp bereits 1879 einen Bebauungsplanentwurf für das ehemalige Festungsterrain vorgelegt. Philipp war Teil eines belgischen „Capitalisten-Consortiums“, das am 17. Juni 1878 dem preußischen Kriegsminister ein Kaufangebot in Höhe von 11,794 Millionen Reichsmark für das Festungsterrain unterbreitete – ein Preis, der später tatsächlich erzielt wurde. Die Bautätigkeit im Belgisches Viertel begann dann zügig nach dem Abriss der Stadtmauer im Sommer 1881. Erste Häuser wie die Brabanter Straße 74 oder die Antwerpener Straße 75 entstanden bereits 1884, die Maastrichter Straße 45 folgte 1885. Die Flandrische Straße und die Brüsseler Straße / Ecke Neue Maastrichter Straße zeigten sich um 1890 bereits in ihrer neuen Form.

Die offizielle Benennung der Straßen im Viertel wurde am 6. März 1884 von der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen. Man entschied sich für Namen wie Lütticher, Maastrichter, Antwerpener, Genter und Brüsseler Straße, mit der ausdrücklichen Absicht, in diesem Viertel, wo es bereits eine Limburger und eine Flandrische Straße gab, „ganz Holland und Belgien sich versammeln lassen zu wollen“. Städtische Fluchtlinienpläne, wie die am 25. Mai 1882 und 30. Oktober 1884 festgesetzten Pläne Nr. 13 und 27, sorgten für den genauen Verlauf der neu anzulegenden Straßen. Die Utrechter Straße beispielsweise, die den alten Melatener Weg aufnahm, wurde erst am 14. Februar 1889 beschlossen und ihre Anlage erfolgte überwiegend nach 1890. Die Maastrichter Straße reichte ursprünglich bis zum Maastrichter Tor, wurde aber 1903 das Teilstück ab dem Brüsseler Platz in „Neue Maastrichter Straße“ umbenannt.

Welche Straßen gehören zum belgischen Viertel in Köln?
Wo genau ist das belgische Viertel Kölns? Das belgische Viertel findet man im Herzen Kölns, in der Neustadt Nord. Im Süden begrenzt die Aachener Straße das belgische Viertel und im Norden ist es die Venloer Straße. Im Western begrenzt es der innere Grüngürtel und im Osten die Flandrische/Limburger Straße.

Architektonische Pracht und das Herzstück: Der Brüsseler Platz

Ein zentraler Punkt und architektonisches Highlight des Viertels ist der Brüsseler Platz. Dieser Platz entstand teilweise auf dem Gelände der ehemaligen Lünette 5, einem Zwischenwerk der alten Stadtbefestigung. Seine Benennung bezieht sich auf die angrenzende Brüsseler Straße und ergänzt das Namenskonzept des Belgisches Viertel. Im Mai 1889 erwarb das Erzbistum Köln das Grundstück auf dem Platz und errichtete dort die beeindruckende Kirche St. Michael. Die Kirche wurde am 29. September 1894 konsekriert und in der Zeit zwischen 1902 und 1906 gebaut. Sie ist bis heute ein markantes Wahrzeichen des Viertels.

Rund um den Brüsseler Platz und in den umliegenden Straßen entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Vielzahl repräsentativer Wohnhäuser. Diese Gebäude wurden oft im Stil des Jugendstils oder Historismus errichtet und zeugen vom Wohlstand und dem architektonischen Geschmack der damaligen Zeit. Viele dieser Häuser waren luxuriös ausgestattet, teilweise mit spiegelbehangenen Treppenhäusern aus Marmor, wie sie einst am Brüsseler Platz 14 (um 1898) zu finden waren (leider 1974 abgebrochen) oder auch noch teilweise in den Nummern 11–21 zu sehen sind. Blendmaßwerkbrüstungen schmückten Fassaden am Brüsseler Platz 17 oder in der Brüsseler Straße 33. Die Wohnhäuser in der Lütticher Straße zeichneten sich (mit Ausnahme des östlichen Abschnitts) durch Vorgärten aus, was dem Straßenzug ein besonderes Flair verlieh. Das Haus Lütticher Straße 34, im Stil des Historismus 1903 erbaut, steht beispielhaft für die architektonische Qualität des Viertels und ist, wie viele andere Gebäude, seit dem 2. August 1983 als Baudenkmal geschützt. Weitere denkmalgeschützte Beispiele finden sich in der Antwerpener Straße (Nr. 3 um 1886, Nr. 24–40 1900–1905) und der Genter Straße (Nr. 23 1905). Die Häuser Flandrische Straße 12–20 und Lütticher Straße 1–5 waren ein bemerkenswertes Beispiel für eine Gruppenbebauung, entworfen und 1885 fertiggestellt von Carl August Philipp; von dieser Gruppe ist heute nur noch die Lütticher Straße 5 erhalten.

Das 20. Jahrhundert und die Entwicklung zum beliebten Veedel

Das 20. Jahrhundert brachte auch für das Belgisches Viertel Veränderungen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Viertel, wie weite Teile Kölns, von Bomben getroffen. Am 28. September 1944 trafen Bomben zahlreiche der prächtigen Patrizierhäuser, und auch die Kirche St. Michael erlitt Schäden. Doch viele der charakteristischen Häuser überstanden die Zerstörungen und prägen bis heute das Bild des Viertels. Diese erhaltenen Gebäude trugen maßgeblich dazu bei, dass das Viertel nach dem Krieg wiederaufgebaut und saniert werden konnte.

Ab 1977 begann eine gezielte Sanierung des Viertels, bei der auch die Grünanlagen stärker betont wurden. Diese Maßnahmen trugen dazu bei, die Lebensqualität zu verbessern und den historischen Charakter zu bewahren. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Belgisches Viertel zu einem der populärsten und begehrtesten Stadtteile Kölns. Seine zentrale Lage, die attraktive Architektur, die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeitangeboten sowie das unverwechselbare Flair machen es zu einer der teuersten, aber auch attraktivsten Wohngegenden der Stadt. Das Viertel zieht Menschen an, die das Besondere suchen – sei es beim Flanieren durch die Straßen, beim Entdecken kleiner Boutiquen und Galerien oder einfach nur beim Genießen der Atmosphäre, die von der reichen Geschichte und der lebendigen Gegenwart geprägt ist.

Die Geschichte des Viertels, von der mittelalterlichen Landwirtschaft über die planmäßige Anlage in der Gründerzeit bis hin zum heutigen Status als Trendviertel, ist in seinen Straßen und Gebäuden spürbar. Der Bischofsweg, einst Grenze und Ackerland, ist heute Teil belebter urbaner Straßen. Die Vision von Josef Stübben und Carl August Philipp von einer repräsentativen Stadterweiterung ist Wirklichkeit geworden. Die architektonische Vielfalt, insbesondere die erhaltenen Beispiele des Jugendstils, verleiht dem Viertel seinen unverwechselbaren Charme. Der Brüsseler Platz mit der Kirche St. Michael bildet nach wie vor das Herzstück und einen beliebten Treffpunkt. Das Belgische Viertel ist ein Beispiel dafür, wie historische Wurzeln und moderne Entwicklungen harmonisch nebeneinander existieren und einen einzigartigen urbanen Raum schaffen können, der Geschichte atmet und gleichzeitig voller Leben ist.

Straßennamen im Belgischen Viertel und ihre Herkunft

StraßeHerkunft (Belgien/Niederlande)
Antwerpener StraßeAntwerpen (Belgien)
Brabanter StraßeBrabant (Belgien)
Brüsseler StraßeBrüssel (Belgien)
Flandrische StraßeFlandern (Belgien)
Genter StraßeGent (Belgien)
Limburger StraßeLimburg (Belgien)
Lütticher StraßeLüttich (Belgien)
Maastrichter StraßeMaastricht (Niederlande)
Utrechter StraßeUtrecht (Niederlande)
Venloer StraßeVenlo (Niederlande)

Häufig gestellte Fragen zum Belgischen Viertel

Warum heißt das Viertel „Belgisches Viertel“?
Der Name leitet sich von vielen Straßennamen ab, die sich auf belgische Städte (wie Brüssel, Antwerpen, Gent, Lüttich) und Provinzen (wie Brabant, Limburg, Flandern) beziehen. Ergänzend gibt es auch Namen nach niederländischen Städten.
Wann wurde das Belgische Viertel bebaut?
Die Hauptbebauung begann in der sogenannten Gründerzeit, insbesondere nach 1881, nachdem die mittelalterliche Stadtmauer abgerissen wurde und das Gebiet für die Stadterweiterung freigegeben war.
Welche Art von Architektur ist typisch für das Viertel?
Das Viertel ist bekannt für seine repräsentativen Wohnhäuser, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Stil der Gründerzeit, des Jugendstils und des Historismus erbaut wurden. Viele dieser Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.
Ist das Belgische Viertel eine beliebte Wohngegend?
Ja, es gilt heute als eines der beliebtesten und gleichzeitig teuersten Wohnviertel in Köln aufgrund seiner attraktiven Lage, der historischen Bausubstanz und des lebendigen Ambientes.
Gibt es wichtige historische Bezüge im Viertel?
Ja, die Geschichte reicht bis zum mittelalterlichen Bischofsweg zurück. Die Anlage des Viertels ist eng mit den Plänen zur Stadterweiterung im späten 19. Jahrhundert verbunden. Die Kirche St. Michael am Brüsseler Platz ist ein bedeutendes Wahrzeichen aus dieser Zeit.
Was kann man im Belgischen Viertel erleben?
Das Viertel lädt zum Flanieren und Entdecken ein. Man kann die historische Architektur bewundern, das besondere Flair genießen und durch die Straßen schlendern, die für ihre individuellen Geschäfte und die lebendige Atmosphäre bekannt sind.

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Bruno Auerei Leimen

Ich heiße Bruno Auerei Leimen und wurde 1979 in Heidelberg geboren. Seit über zwanzig Jahren widme ich mich leidenschaftlich der Entdeckung der kulinarischen Vielfalt Deutschlands. Nach meinem Studium der Literatur und des Journalismus an der Universität München habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Liebe zum Schreiben mit meiner Neugier für authentische regionale Küche zu verbinden. Heute arbeite ich als Gastronomiekritiker, habe drei Bücher über kulinarische Reisen veröffentlicht und schreibe regelmäßig für renommierte Magazine. Besonders schlägt mein Herz für traditionelle Gerichte und handwerklich gebrautes Bier.

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