Die Frage nach dem Namen einer Stadt kann oft mehr erzählen als nur ihre Bezeichnung auf der Landkarte. Im Falle der rumänischen Stadt im Herzen Siebenbürgens, heute weitläufig unter dem Namen Sibiu bekannt, ist diese Frage besonders aufschlussreich. Lange Zeit trug diese bedeutende siebenbürgisch-sächsische Siedlung den Namen Hermannstadt. Dieser Name verweist auf eine reiche, jahrhundertealte Geschichte, die eng mit der Besiedlung durch deutsche Einwanderer, den Siebenbürger Sachsen, verbunden ist.

Heute ist der offizielle Name der Stadt in Rumänien Sibiu. Beide Namen existieren parallel und spiegeln die vielschichtige Identität und die historischen Schichten wider, die diese Stadt prägen. Hermannstadt war der deutsche Name, der über viele Jahrhunderte verwendet wurde und in historischen Kontexten sowie in der deutschsprachigen Gemeinschaft nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Sibiu ist der rumänische Name, der sich etabliert hat und international verwendet wird.
Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung und ethnische Vielfalt
Die Geschichte einer Stadt spiegelt sich oft in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung wider. Hermannstadt/Sibiu ist hierfür ein Paradebeispiel. Über Jahrhunderte hinweg war die Stadt ein Zentrum der deutschen Kultur in Siebenbürgen. Die Volkszählungen liefern eindrucksvolle Daten über den Wandel:
Die Einwohnerzahl der Stadt wuchs über lange Zeit stark an, insbesondere im 20. Jahrhundert. Erreichte sie 1850 noch knapp 13.000 Einwohner, so stieg diese Zahl bis 1992 auf ihren Höchststand von über 169.000 an. Seitdem ist ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
Besonders markant ist jedoch die Veränderung der ethnischen Zusammensetzung. Während die Stadt im Jahr 1850 noch mehrheitlich von Deutschen bewohnt war, gefolgt von Rumänen und Ungarn, kehrte sich dieses Verhältnis im Laufe der Zeit um. Bereits 1930 stellten die Rumänen die größte ethnische Gruppe dar, übertrafen aber erst nach 1941 deutlich die Zahl der Deutschen.
Die gravierendste Veränderung trat nach 1989 ein. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verließen Zehntausende Siebenbürger Sachsen Rumänien und übersiedelten nach Deutschland. Dieser Exodus führte zu einem rapiden Rückgang der deutschen Bevölkerung in ihrer angestammten Heimat. Waren es 1992 noch über 5.600 Deutsche in Sibiu, sank ihre Zahl bis 2021 auf unter 1.000. Die Stadt, die einst als eines der wichtigsten deutschen Zentren in Siebenbürgen galt, hat sich demografisch stark verändert und ist heute überwiegend von Rumänen bewohnt, mit Minderheiten von Ungarn, Roma und anderen.
| Jahr | Bevölkerung Gesamt | Rumänen | Ungarn | Deutsche | Andere |
|---|---|---|---|---|---|
| 1850 | 12.765 | 2.089 | 977 | 8.790 | 909 |
| 1920 | 32.748 | 8.553 | 4.291 | 18.218 | 1.686 |
| 1930 | 49.345 | 18.620 | 6.521 | 21.598 | 2.606 |
| 1941 | 63.765 | 33.829 | 4.262 | 23.574 | 2.100 |
| 1956 | 90.475 | 59.855 | 4.882 | 24.253 | 1.485 |
| 1977 | 151.005 | 119.507 | 5.111 | 25.403 | 984 |
| 1992 | 169.160 | 158.863 | 4.163 | 5.605 | 979 |
| 2002 | 154.841 | 148.218 | 3.135 | 2.508 | 980 |
| 2011 | 147.245 | 139.998 | 2.169 | 1.561 | 3.517 |
| 2021 | 134.309 | 108.858 | 1.206 | 968 | 23.277 |
Diese Tabelle verdeutlicht eindrücklich den demografischen Wandel und den Rückgang des deutschen Bevölkerungsanteils, der die Geschichte der Stadt so lange prägte.
Hermannstadt als europäisches Zentrum: Kultur und Politik
Trotz des demografischen Wandels hat Hermannstadt/Sibiu seine Bedeutung auf europäischer Ebene nicht verloren, sondern in den letzten Jahren sogar ausgebaut. Ein herausragendes Ereignis war die Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2007, gemeinsam mit Luxemburg. Diese Auszeichnung war ein Katalysator für die Stadtentwicklung und die Sanierung der historischen Altstadt.
Mit erheblichen finanziellen Mitteln der Europäischen Union, Deutschlands und des rumänischen Staates wurden und werden wichtige historische Gebäude restauriert und Plätze neugestaltet. Der Große Ring, der Kleine Ring und die Heltauer Gasse erstrahlen heute in neuem Glanz und zeugen von den Anstrengungen, das kulturelle Erbe der Stadt zu bewahren und zugänglich zu machen. Obwohl Versuche, die Altstadt in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen, bisher nicht erfolgreich waren, hat die Stadt durch die Sanierungsmaßnahmen ihre Attraktivität als touristisches und kulturelles Ziel erheblich gesteigert.
Die europäische Bedeutung der Stadt wurde 2019 weiter unterstrichen, als Sibiu zum Treffpunkt für ein wichtiges politisches Ereignis wurde. 27 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union kamen hier zusammen und verabschiedeten eine Erklärung zu den Grundwerten der zukünftigen Zusammenarbeit der Union. Dies zeigt, dass die Stadt heute nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein politisches Signalzentrum in Europa ist.
Multikonfessionelles Miteinander
Ein weiteres prägendes Merkmal von Hermannstadt/Sibiu ist seine Multikonfessionalität. Über Jahrhunderte lebten hier Menschen verschiedener Glaubensrichtungen zusammen. Die evangelische Stadtpfarrkirche, die katholische Stadtpfarrkirche (ehemalige Jesuitenkirche) und die rumänisch-orthodoxen Kirchen prägen das Stadtbild und sind Zeugen der religiösen Vielfalt.
Historisch gesehen stellten die evangelischen Christen Augsburgischen Bekenntnisses (A. B.), zu denen die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen gehörte, lange Zeit die größte Konfessionsgruppe. Dieser Anteil hat sich, analog zur ethnischen Zusammensetzung, stark verschoben. Heute ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung rumänisch-orthodox, während die Anteile der anderen Konfessionen, einschließlich der evangelischen A. B., stark zurückgegangen sind.
| Konfession | Anteil 1910 | Anteil 2000 |
|---|---|---|
| rumänisch-orthodox | 18 % | 91 % |
| griechisch-katholisch | 8 % | 1 % |
| römisch-katholisch | 20 % | 2 % |
| evangelisch A. B. | 42 % | 2 % |
| reformiert | 7 % | 1 % |
| jüdisch | 4 % | < 1 % |
| Sonstige | 1 % | 4 % |
Die Stadt spielt auch eine Rolle im ökumenischen Dialog. Im Jahr 2007 fand hier die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung statt, ein wichtiges Treffen zur Förderung der Einheit und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen christlichen Kirchen Europas.
Bildung und Medienlandschaft
Hermannstadt/Sibiu ist ein bedeutendes Bildungszentrum in Rumänien. Mehr als 12.000 Studenten sind an zahlreichen Fakultäten eingeschrieben. Die Lucian-Blaga-Universität ist eine wichtige Institution, die unter anderem Departements für Geschichte, Kulturerbe und Protestantische Theologie beherbergt. Auch das orthodoxe Priesterseminar sowie traditionelle Schulen wie das Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium tragen zum Bildungsangebot bei. Der hohe Anteil von Einwohnern mit Hochschulabschluss unterstreicht die Bedeutung der Bildung für die Stadt.

Die Stadt hat auch eine lange Tradition im Medienwesen. Bereits 1778 wurde hier das Theatral Wochenblatt gedruckt, die erste Zeitung Siebenbürgens. Heute gibt es verschiedene lokale Zeitungen, darunter auch deutschsprachige Publikationen wie die Hermannstädter Zeitung und die Allgemeine Deutsche Zeitung, die die Verbindung zur deutschen Geschichte und Kultur aufrechterhalten.
Politische Führung
Die politische Führung der Stadt hat in den letzten Jahren ebenfalls europäische Aufmerksamkeit erfahren. Klaus Johannis, der von 2000 bis 2014 Bürgermeister von Hermannstadt war, wurde 2014 zum Staatspräsidenten Rumäniens gewählt. Seine Nachfolgerin im Amt des Bürgermeisters wurde Astrid Fodor, die ebenfalls dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien angehört.
Häufig gestellte Fragen zu Hermannstadt/Sibiu
Viele Besucher und Interessierte stellen sich Fragen zur Geschichte und Gegenwart dieser faszinierenden Stadt.
Wie hieß Hermannstadt früher?
Der historische Name der Stadt ist Hermannstadt. Dieser deutsche Name wurde über Jahrhunderte hinweg verwendet, insbesondere während der Zeit der siebenbürgisch-sächsischen Besiedlung und Dominanz.
Wie heißt Hermannstadt heute?
Der heutige offizielle Name der Stadt in Rumänien ist Sibiu. Beide Namen, Hermannstadt und Sibiu, sind in Gebrauch und repräsentieren die historische und gegenwärtige Identität der Stadt.
Warum gibt es einen deutschen und einen rumänischen Namen?
Die Existenz beider Namen ist ein Ergebnis der komplexen Geschichte Siebenbürgens. Die Region wurde über Jahrhunderte von verschiedenen Ethnien bewohnt und beeinflusst, darunter Rumänen, Ungarn und die aus dem deutschen Sprachraum stammenden Siebenbürger Sachsen. Jede Volksgruppe hatte ihre eigene Bezeichnung für die Stadt.
Was ist mit der deutschen Bevölkerung in Hermannstadt passiert?
Die Zahl der deutschen Einwohner in Hermannstadt/Sibiu ist nach 1989 dramatisch zurückgegangen. Ein Großteil der Siebenbürger Sachsen wanderte nach Deutschland aus. Während sie historisch eine bedeutende Mehrheit oder eine große Minderheit stellten, machen sie heute nur noch einen sehr kleinen Teil der Gesamtbevölkerung aus.
War Hermannstadt/Sibiu schon einmal Kulturhauptstadt Europas?
Ja, Hermannstadt/Sibiu war im Jahr 2007 gemeinsam mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas. Dieses Ereignis hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung und Sichtbarkeit der Stadt.
Welche Religionen sind in Sibiu vertreten?
Sibiu ist historisch und aktuell multikonfessionell geprägt. Die größte Konfession ist heute die rumänisch-orthodoxe Kirche. Daneben gibt es Minderheiten von römisch-katholischen, griechisch-katholischen, evangelischen (A. B. und reformiert) und anderen Glaubensrichtungen. Die Stadt war 2007 auch Gastgeber einer bedeutenden Europäischen Ökumenischen Versammlung.
Gibt es noch deutsche Spuren in der Stadt?
Ja, die deutschen Spuren sind in Hermannstadt/Sibiu nach wie vor sehr präsent. Die historische Altstadt mit ihren Plätzen, Kirchen und Bürgerhäusern im siebenbürgisch-sächsischen Stil zeugt von der langen deutschen Geschichte. Es gibt auch noch eine kleine deutsche Gemeinschaft, deutsche Schulen (wie das Brukenthal-Gymnasium) und deutschsprachige Medien.
Fazit
Hermannstadt, heute Sibiu, ist eine Stadt mit einer tiefen und vielschichtigen Geschichte. Der Wandel ihres Namens und die dramatischen Veränderungen in ihrer Bevölkerungsstruktur erzählen die Geschichte Siebenbürgens im Kleinen. Trotz des Rückgangs des deutschen Bevölkerungsanteils lebt das kulturelle Erbe fort und wird durch Sanierungsmaßnahmen und die Präsenz deutscher Institutionen bewahrt. Als europäische Kulturhauptstadt und Tagungsort europäischer Gipfel hat sich Sibiu neu positioniert und ist heute ein lebendiges Zentrum in Rumänien, das seine historischen Wurzeln nicht vergisst und gleichzeitig eine moderne europäische Identität entwickelt.
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