Die Frage nach dem Alter einer Gemeinde wie Großefehn scheint auf den ersten Blick einfach, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als faszinierend komplex. Der Name „Großefehn“ selbst ist eng mit der Moorkolonisierung verbunden und wird seit über 350 Jahren verwendet, um die drei ursprünglichen Fehnkolonien Westgroßefehn, Mittegroßefehn und Ostgroßefehn zu bezeichnen. Doch die heutige Gemeinde Großefehn umfasst weit mehr als nur diese Fehngebiete. Sie ist ein Mosaik aus Siedlungen, deren Wurzeln teilweise über tausend Jahre zurückreichen.
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Um das „Alter“ Großefehns wirklich zu verstehen, müssen wir zwei unterschiedliche historische Stränge betrachten: die vergleichsweise junge Geschichte der Fehnkolonien und die viel ältere Geschichte der umliegenden, heute eingegliederten Dörfer.

Die Gründung der Fehnkolonien: Eine Vision im Moor
Der Beginn dessen, was man als das „Große Fehn“ bezeichnete, war ein ehrgeiziges Projekt zur Urbarmachung des Hochmoors. Im Jahr 1633 erhielten vier Bürger aus Emden durch ein sogenanntes Erbpachtrecht die Erlaubnis, ein großes Stück Hochmoor abzugraben und das darunterliegende Land zu kultivieren. Dieses Gebiet lag an der Flumm, etwa zwei Kilometer nördlich des heutigen Ortsteils Timmel.
Der Hauptzweck dieses Unterfangens war die Gewinnung von Torf. Torf war in jener Zeit ein lebenswichtiges Brennmaterial, und die wachsende Stadt Emden benötigte dringend eine zuverlässige und kostengünstige Versorgung. Das riesige Hochmoor bot hierfür scheinbar unerschöpfliche Ressourcen.
Mit den eigentlichen Arbeiten, dem Stechen des Torfes, wurde am 20. April 1634 begonnen. Dieser historische Spatenstich erfolgte in Westgroßefehn, nahe der ersten Schleuse, die später den Namen „Großefehn I“ tragen sollte. Dieses Datum markiert den physischen Beginn der Fehnkolonien und ist somit ein entscheidendes Datum für die Entstehung des „Großen Fehns“ im engeren Sinne.
Das Konzept der Fehnkolonien, bei dem Kanäle (Wieken) zur Entwässerung und zum Transport des Torfs angelegt wurden und sich die Siedler entlang dieser Kanäle ansiedelten, erwies sich als erfolgreich. Es diente später als Vorbild für weitere Moorkolonisationen in Ostfriesland, wie beispielsweise das 1746 angelegte „Spetzer Fehn“.
Der Name „Großefehn“ entwickelte sich dann im Laufe der Zeit als zusammenfassende Bezeichnung für die drei durch das Torfstechen entstandenen Siedlungskerne: Westgroßefehn, Mittegroßefehn und Ostgroßefehn. Obwohl diese Kolonien zunächst politisch eigenständig waren, bürgerte sich der Name „Großefehn“ als Sammelbegriff ein und ist, wie erwähnt, seit über 350 Jahren in Gebrauch.
Die Antiken Wurzeln: Dörfer mit Jahrhundertealter Geschichte
Die heutige Gemeinde Großefehn ist jedoch nicht nur das Ergebnis der Moorkolonisierung im 17. Jahrhundert. Sie wurde im Zuge von Gebietsreformen aus einer Vielzahl von Einzelgemeinden gebildet, von denen viele eine weitaus längere Geschichte aufweisen als die Fehnkolonien selbst. Diese Dörfer existierten bereits, als das Hochmoor, das später zum „Großen Fehn“ wurde, noch unbesiedelt war. Ihre Geschichte reicht teilweise bis ins frühe Mittelalter zurück.
Timmel: Ein Dorf aus dem ersten Jahrtausend
Eines der ältesten Dörfer im heutigen Gemeindegebiet ist Timmel. Seine Existenz ist bereits um das Jahr 1000 dokumentiert. Unter dem Namen „Timberlae“ wird Timmel in den Güter- und Heberegistern der Abtei Werden an der Ruhr erwähnt. Solche Register geben Aufschluss über Besitzverhältnisse und Abgaben und belegen, dass Timmel zu dieser Zeit bereits eine etablierte Siedlung war. Dies macht Timmel zu einem der ältesten urkundlich erwähnten Orte in Ostfriesland und innerhalb der heutigen Gemeinde Großefehn mit Abstand der älteste.
Aurich-Oldendorf: Burgengeschichte im Mittelalter
Die Geschichte von Aurich-Oldendorf lässt sich ebenfalls weit zurückverfolgen. Es wird berichtet, dass die Ortschaft im 12. und 13. Jahrhundert eine ansehnliche Burg besessen haben soll. Dies deutet auf eine strategische Bedeutung und eine frühe Besiedlung hin. Eine urkundliche Erwähnung findet sich bereits am 7. September 1431, als die Ortschaft „Aldathorp“ genannt wird. Dies belegt ihre Existenz und ihren Namen bereits lange vor der Gründung der Fehnkolonien.
Bagband: Romanische Kirchen und mittelalterliches Leben
Auch die Geschichte von Bagband reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Zeit ist die Kirche von Bagband, die etwa aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammt. Ihr Aussehen verweist noch heute auf den romanischen Baustil, der in dieser Periode vorherrschte. Die Existenz einer so frühen und ansehnlichen Kirche ist ein klares Indiz für eine bereits gefestigte und organisierte Dorfgemeinschaft im 13. Jahrhundert.
Holtrop: Ein weiteres Dorf mit alter Kirche
Ähnlich wie Bagband muss auch die Entstehung von Holtrop auf das 12. oder 13. Jahrhundert datiert werden. Holtrop besitzt ebenfalls eine Kirche, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Ihre Geschichte lässt sich bis in die vorreformatorische Zeit zurückverfolgen, was ihre Bedeutung als zentraler Punkt des dörflichen Lebens über Jahrhunderte hinweg unterstreicht.
Strackholt: Vom Mittelalter bis zur Quade Foelke
Strackholt, im Südosten der heutigen Gemeinde Großefehn gelegen, hat ebenfalls eine bemerkenswert lange Geschichte. Der Ort wird bereits in den Münster'schen Pfarrregistern des 15. Jahrhunderts unter der Bezeichnung „Stretholt“ erwähnt. Es wird jedoch angenommen, dass Strackholt wesentlich älter ist, möglicherweise ebenfalls im 13. Jahrhundert entstanden ist, wie die Kirche, die angeblich um diese Zeit erbaut wurde. Strackholt ist auch durch historische Ereignisse bekannt, wie die Verbindung zur sagenumwobenen Quade Foelke, der Gemahlin des Ritters Ocko tom Brook, und durch Raubzüge der Oldenburger im 15. Jahrhundert. Die Erwähnung zweier Burgen im Dorf deutet auf eine frühere Bedeutung als möglicherweise befestigter oder adeliger Sitz hin.
Ulbargen: Mönche oder Burgen?
Die Geschichte von Ulbargen bietet zwei spannende Narrative. Eine Darstellung spricht von einer Niederlassung der Zisterziensermönche, die im 12. Jahrhundert gestiftet worden sein soll. Dies würde Ulbargen zu einem Ort mit einer frühen kirchlichen oder klösterlichen Bedeutung machen. Eine andere Darstellung berichtet von einer Burg namens „Üteborg“, die nahe am Dorf gestanden haben soll. Beide Versionen deuten auf eine frühe und potenziell bedeutende Besiedlung im 12. Jahrhundert hin.
Felde und Wrisse: Vor dem Jahr 1500
Auch die Ortschaften Felde und Wrisse dürften bereits vor dem Jahr 1500 bestanden haben. Ein bekanntes Abgabenregister aus dem Jahr 1580 listet sie auf und belegt ihre Existenz als etablierte Siedlungen zu dieser Zeit. Die Erwähnung in einem solchen Register setzt in der Regel voraus, dass der Ort bereits eine gewisse Größe und Struktur erreicht hatte.
Später besiedelte Gebiete: Akelsbarg und Fiebing
Im Gegensatz zu den zuvor genannten Dörfern wurden weitere Gebiete, in denen heute die Ortschaften Akelsbarg und Fiebing liegen, erst in der Folgezeit, also nach der Besiedlung der älteren Kerndörfer und möglicherweise auch nach oder während der Fehnkolonisation, besiedelt. Dies unterstreicht die unterschiedliche Altersstruktur innerhalb der heutigen Gemeinde.
Großefehn: Eine Gemeinde mit vielfältigem Alter
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frage nach dem Alter Großefehns nicht mit einer einzigen Jahreszahl beantwortet werden kann. Es kommt darauf an, welchen Aspekt man betrachtet:
- Der Name und das Konzept der Fehnkolonien „Großefehn“ sind über 350 Jahre alt.
- Die Gründung des Torfabbauprojekts „Große Fehn“ erfolgte im Jahr 1633.
- Der Beginn des eigentlichen Torfstechens in Westgroßefehn war am 20. April 1634.
- Die ältesten Teile der heutigen Gemeinde Großefehn, insbesondere das Dorf Timmel, haben eine Geschichte, die über 1000 Jahre zurückreicht.
Die heutige Gemeinde Großefehn ist somit ein Gebilde, das sowohl die relativ jungen Siedlungen der Moorkolonisierung als auch die sehr viel älteren, mittelalterlichen Dörfer umfasst. Ihre Geschichte ist eine spannende Mischung aus der beharrlichen Urbarmachung des Moores und der Jahrhunderte alten Entwicklung ländlicher Siedlungen in Ostfriesland.
Historische Daten im Überblick
Um die unterschiedlichen „Alter“ innerhalb der Gemeinde zu veranschaulichen, hier eine kleine Übersicht der wichtigsten Daten:
| Ort / Bezeichnung | Historisches Ereignis / Erste Erwähnung | Ca. Zeitraum / Jahr |
|---|---|---|
| Timmel | Erwähnung in Güterregistern der Abtei Werden | Um 1000 |
| Ulbargen | Mögliche Zisterzienserniederlassung / Burg Üteborg | 12. Jahrhundert |
| Aurich-Oldendorf | Existenz einer Burg, Erwähnung als „Aldathorp“ | 12./13. Jahrhundert, 1431 |
| Bagband | Geschichte nachweisbar, Bau der romanischen Kirche | Ab 13. Jahrhundert, Mitte 13. Jahrhundert |
| Holtrop | Entstehung, Bau der Kirche | 12./13. Jahrhundert, 13. Jahrhundert |
| Strackholt | Erwähnung als „Stretholt“, Bau der Kirche | 15. Jahrhundert (vermutlich älter), ca. 13. Jahrhundert |
| Felde und Wrisse | Existenz nachweisbar, Erwähnung in Abgabenregister | Vor 1500, 1580 |
| „Großes Fehn“ (Projekt) | Gründung durch Erbpachtrecht | 1633 |
| Westgroßefehn (Beginn) | Beginn des Torfstechens | 20. April 1634 |
| Name „Großefehn“ | Als zusammenfassende Bezeichnung bekannt | Seit über 350 Jahren |
| Spetzer Fehn | Anlage nach Vorbild des Großen Fehns | 1746 |
| Akelsbarg und Fiebing | Spätere Besiedlung | In der Folgezeit (nach 1580) |
Häufig gestellte Fragen zum Alter von Großefehn
Wann wurde Großefehn gegründet?
Die Gründung des Torfabbauprojekts „Große Fehn“, das dem Namen zugrunde liegt, war im Jahr 1633. Der eigentliche Beginn der Arbeiten war am 20. April 1634. Wenn Sie jedoch die heutige Gemeinde meinen, existieren Teile davon (wie Timmel) seit über 1000 Jahren.
Sind alle Ortsteile von Großefehn gleich alt?
Nein, keineswegs. Die heutigen Ortsteile haben sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Während die Fehnkolonien (West-, Mitte-, Ostgroßefehn) im 17. Jahrhundert entstanden, sind viele andere Ortsteile wie Timmel, Bagband, Holtrop oder Strackholt deutlich älter und reichen bis ins Mittelalter zurück.
Warum ist die Geschichte der Fehnkolonien so wichtig für Großefehn?
Die Fehnkolonien gaben der heutigen Gemeinde ihren Namen und prägten die Landschaft und Siedlungsstruktur in großen Teilen des Gebiets maßgeblich durch die Anlage von Wieken und die Besiedlung entlang dieser Kanäle. Sie stehen für eine spezifische Form der Moorkolonisierung.
Welcher Ortsteil ist der älteste in der Gemeinde Großefehn?
Nach den vorliegenden Informationen ist Timmel der älteste urkundlich erwähnte Ortsteil. Er wird bereits um das Jahr 1000 genannt.
Gab es in Großefehn Burgen?
Ja, die historischen Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass es in einigen der älteren Ortsteile Burgen gab. Genannt werden eine Burg in Aurich-Oldendorf (12./13. Jh.), die „Üteborg“ nahe Ulbargen (12. Jh.) und sogar zwei Burgen in Strackholt.
Die Geschichte Großefehns ist somit ein spannendes Zeugnis der Entwicklung einer Region, die sowohl von alten bäuerlichen Siedlungen als auch von der gezielten Urbarmachung des Moores geprägt wurde. Das „Alter“ der Gemeinde ist daher ein vielfältiges Erbe, das von den Anfängen der Fehnkolonisation im 17. Jahrhundert bis zu den frühmittelalterlichen Wurzeln ihrer ältesten Dörfer reicht.
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