Der Berliner Ostbahnhof. Für viele Reisende ist er heute nicht mehr als ein Zwischenstopp auf dem Weg durch die Hauptstadt. Ein Ort, an dem Züge einfahren und abfahren, an dem man schnell etwas zu essen besorgt oder auf die nächste Verbindung wartet. Doch wer genauer hinsieht und die Geschichte dieses Ortes kennt, weiß, dass sich hinter der oft als trostlos empfundenen Fassade eine reiche und vielschichtige Vergangenheit verbirgt, die bis heute nachwirkt und in Zukunft neu belebt werden soll.

An diesem späten Freitagmorgen wirkt der Bahnhof ruhig. Die Fern- und Regionalbahngleise sind weitgehend leer, nur die S-Bahnen verkehren im Minutentakt. Ein paar Reisende, vor allem Pendler, steigen ein und aus. Die Atmosphäre ist eher verhalten, ein starker Kontrast zu den Beschreibungen vergangener Epochen. Selbst auf dem nördlichen Vorplatz, wo Verkaufsstände Backwaren, Obst, Reisgerichte, Döner und Burger sowie Billigklamotten anbieten, ist nicht viel Betrieb. Ein Mann frühstückt eine Flasche Bier, ein Bild, das die aktuell eher nüchterne Stimmung unterstreicht.
Ein Bahnhof mit vielen Namen und Gesichtern
Kaum ein anderer Bahnhof in Berlin hat seinen Namen so oft gewechselt wie der Ostbahnhof. Diese Namenswechsel spiegeln die bewegte Geschichte Berlins und Deutschlands wider:
Von 1842 bis 1881 hieß er Frankfurter Bahnhof, als westlicher Endpunkt der Eisenbahn nach Frankfurt (Oder).
Mit dem Umbau zum Durchgangsbahnhof und der Eröffnung der Stadtbahn wurde er 1881 zum Schlesischen Bahnhof umbenannt. Dieser Name hielt sich am längsten und ist eng mit der Bedeutung des Bahnhofs als „Tor zum Osten“ verbunden.
Nachdem die DDR 1950 die Oder-Neiße-Grenze anerkannte, wurde der Name, der auf die nicht mehr deutsche Region Schlesien verwies, geändert. Von 1950 bis 1987 hieß der Bahnhof Ostbahnhof.
Für die 750-Jahr-Feier Berlins 1987 wurde der grundlegend umgestaltete Bahnhof zum Hauptbahnhof umbenannt.
Doch dieser Name war nur von kurzer Dauer. Seit 1998 trägt er wieder den Namen Ostbahnhof.
Diese Abfolge der Namen – Frankfurter Bahnhof, Schlesischer Bahnhof, Ostbahnhof, Hauptbahnhof, Ostbahnhof – erzählt die Geschichte eines Ortes, der sich ständig neu definieren musste.
| Zeitraum | Name | Bedeutung / Kontext |
|---|---|---|
| 1842 - 1881 | Frankfurter Bahnhof | Endpunkt der Strecke nach Frankfurt (Oder) |
| 1881 - 1950 | Schlesischer Bahnhof | Umbau zum Durchgangsbahnhof, "Tor zum Osten" |
| 1950 - 1987 | Ostbahnhof | Namensänderung nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze |
| 1987 - 1998 | Hauptbahnhof | Umbenennung nach Umgestaltung zur 750-Jahr-Feier Berlins |
| Seit 1998 | Ostbahnhof | Rückbenennung nach weiteren Umbauten |
Das legendäre "Tor zum Osten"
In seiner Zeit als Schlesischer Bahnhof war dieser Ort ein pulsierendes Zentrum des europäischen Reiseverkehrs. Er war der Ausgangspunkt für Reisen nach Ost- und Südosteuropa, ja sogar bis nach Sankt Petersburg, Moskau und ab 1927 mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn bis nach Tokio. Eine Reise, die über 12.000 Kilometer und sieben Zeitzonen führte und zwölf Tage dauerte.
Diese Ära des Schlesischen Bahnhofs war nicht nur von Fernweh geprägt, sondern auch von einem ganz eigenen, lebhaften Milieu. Als „Tor vom Osten“ kamen hier Hunderttausende Reisende an, darunter nach der Oktoberrevolution 1917 auch viele Flüchtlinge. Hans von Herwarth beschrieb die Atmosphäre als „unverkennbar östlich“, ein Ort, an dem „eine andere Welt begann“. General Ernst Köstring, Militärattaché in Moskau, soll sogar gesagt haben: „Asien beginnt am Schlesischen Bahnhof.“
Um den Bahnhof herum wucherte ein typisches Bahnhofsmilieu mit Absteigen, Nachtlokalen und Bordellen. Hans Fallada beschrieb dieses Viertel in seinem Roman „Wolf unter Wölfen“ mit einer Mischung aus Trostlosigkeit, üblen Gerüchen und einer „wilden, verzweifelten Schamlosigkeit, Geilheit aus der Gier, einmal selbst etwas zu sein“. Es war ein Ort, an dem das Leben in seiner ganzen Härte und Intensität spürbar war.
Bemerkenswerterweise lebten oder verkehrten in diesem Viertel rund um den Schlesischen Bahnhof Persönlichkeiten, die weit über Berlin hinaus bekannt wurden:
- In der Kleinen Andreasstraße verbrachte Heinrich Zille seine Kindheit.
- In der Blumenstraße wuchs Alfred Döblin auf.
- In der Langen Straße 22 hauste der Schuster Wilhelm Voigt, der als „Hauptmann von Köpenick“ in die Geschichte einging.
- In der Lange Straße 88 wohnte Carl Großmann, der Serienmörder, der vor dem Bahnhof Wurst verkaufte und im Wartesaal seine Opfer ansprach.
Diese Namen zeigen, wie tief das Leben und die Geschichten vieler Berliner mit diesem Bahnhofsviertel verwoben waren. Im Zweiten Weltkrieg spielte der Schlesische Bahnhof eine andere, düstere Rolle: Von hier rollten Truppen und Waffen an die Ostfront, und Soldaten machten hier Station auf dem Weg in den Heimaturlaub.
Der Wandel und die Stille nach dem Krieg
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor der Bahnhof seine zentrale Bedeutung als Drehkreuz Europas. Die Teilung Deutschlands und Europas veränderte die Verkehrsströme grundlegend. Der Ostbahnhof lag nun in Ost-Berlin und war nicht mehr das Tor zum gesamten Osten, sondern zum sozialistischen Ausland. Seine Bedeutung nahm ab, auch wenn er in der DDR-Zeit, insbesondere nach der Umbenennung in Hauptbahnhof 1987, noch einmal aufgewertet wurde. Doch der Großteil des Zugverkehrs verlagerte sich auf andere Bahnhöfe wie Lichtenberg und Schöneweide.
Heute ist der Ostbahnhof nach dem Berliner Hauptbahnhof und dem Bahnhof Südkreuz der drittgrößte Bahnhof Berlins, was die Gleisanlagen betrifft. Bei der tatsächlichen Nutzung liegt er jedoch nur auf Platz zehn, hinter Bahnhöfen wie Lichtenberg, Ostkreuz und Friedrichstraße. Die einstige Betriebsamkeit und das legendäre Milieu sind der Ruhe gewichen, die an diesem Freitagvormittag herrscht.

Was kann man heute in der Nähe vom Ostbahnhof machen?
Die unmittelbare Umgebung des Ostbahnhofs wird von vielen als eher trostlos empfunden. Die Tauben hinterlassen ihre Spuren, die Scheiben der Kuppeldächer sind blind, und der nördliche Vorplatz wirkt wenig einladend. Direkt im Bahnhof und auf dem Vorplatz gibt es einige einfache Angebote:
- Essen und Trinken: Diverse Stände auf dem Vorplatz (Backwaren, Obst, Reisgerichte, Döner, Burger) und einige Läden im Bahnhof.
- Einkaufen: Ein Zeitungs- und Zeitschriftenverkäufer, eine Apotheke, ein Florist, zwei Bekleidungs- und zwei Schuhgeschäfte, mehrere Mobiltelefon-Läden und ein Sexshop.
- Dienstleistungen: Ein Friseur und eine Apotheke.
Das Angebot ist überschaubar und entspricht eher dem typischen Bedarf von Reisenden oder Pendlern, die schnell etwas benötigen. Zum Verweilen lädt die aktuelle Situation kaum ein.
Ein wesentlicher Grund für den derzeitigen Eindruck ist die rege Bautätigkeit in der Umgebung. Das ehemalige Galeria-Kaufhof-Warenhaus auf dem Vorplatz, ein sechsgeschossiger Würfel, wird komplett umgebaut. Seine Fassade ist entfernt, das Skelett des Rohbaus gähnt den Betrachter an. Dieses Gebäude, 1979 als modernes Centrum-Warenhaus der DDR eröffnet, war einst ein Anziehungspunkt, der auch viele Kunden mit dem Zug brachte. Sein Umbau zu einem Büro- und Geschäftshaus mit Restaurants, einem Supermarkt, Arztpraxen und einer Apotheke soll voraussichtlich erst im dritten Quartal 2020 abgeschlossen sein.
Ein Blick in die Zukunft: Hoffnung auf Belebung
Trotz der aktuellen Trostlosigkeit gibt es Anzeichen für einen Wandel und die Hoffnung auf eine Belebung der Gegend. Die Deutsche Bahn plant, in den kommenden Jahren 70 Millionen Euro in die Sanierung des Bahnhofs zu investieren, die bis 2021 abgeschlossen sein soll. Ziel ist es, den Bahnhof attraktiver zu gestalten.
Ein wichtiger Impuls für die Umgebung kommt vom Bau des Einkaufszentrums East Side Mall in der Nähe der Mercedes-Benz Arena. Die Eröffnung dieses großen Einkaufszentrums ist für zwei Jahre vor der Fertigstellung des Warenhaus-Umbaus geplant (Anmerkung: Basierend auf den Informationen im Text, die sich auf Planungen vor 2020/2021 beziehen). Die Deutsche Bahn hofft, dass der Ostbahnhof von der zusätzlichen Frequentierung durch die East Side Mall profitieren wird.
Diese Entwicklungen – die Investitionen der Bahn, der Umbau des ehemaligen Warenhauses und die Eröffnung der East Side Mall – deuten darauf hin, dass die Umgebung des Ostbahnhofs in den kommenden Jahren ihr Gesicht verändern und hoffentlich an Attraktivität gewinnen wird. Neue Geschäfte, Restaurants und Dienstleistungen könnten entstehen und das Viertel beleben.
Häufig gestellte Fragen zum Ostbahnhof
Hier beantworten wir einige häufige Fragen rund um den Berliner Ostbahnhof:
Ist Berlin Ostbahnhof dasselbe wie Berlin Hauptbahnhof?
Nein, der Berliner Ostbahnhof und der Berliner Hauptbahnhof sind zwei verschiedene Bahnhöfe. Der Ostbahnhof trug zwar von 1987 bis 1998 den Namen Hauptbahnhof, wurde aber nach weiteren Umbauten wieder in Ostbahnhof umbenannt. Der heutige Berliner Hauptbahnhof wurde erst 2006 eröffnet und befindet sich an einem anderen Standort (Lehrter Bahnhof).
Warum hatte der Ostbahnhof so viele Namen?
Die häufigen Namenswechsel spiegeln die politische und städtebauliche Entwicklung Berlins wider. Die Namen Frankfurter Bahnhof, Schlesischer Bahnhof, Ostbahnhof und Hauptbahnhof waren jeweils an unterschiedliche Funktionen, politische Gegebenheiten (z.B. die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze) und Umgestaltungen des Bahnhofs geknüpft.
Warum war der Schlesische Bahnhof so wichtig?
Der Schlesische Bahnhof war in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg das wichtigste „Tor zum Osten“ für Bahnreisen von Berlin nach Ost- und Südosteuropa sowie weiter nach Asien. Er war ein zentraler Knotenpunkt und ein Ort von großer kultureller und sozialer Bedeutung mit einem lebendigen Milieu in seiner Umgebung.
Was wird aus dem ehemaligen Warenhaus am Ostbahnhof?
Das ehemalige Centrum-Warenhaus (später Galeria Kaufhof) auf dem Vorplatz des Ostbahnhofs wird zu einem modernen Büro- und Geschäftshaus umgebaut. Nach Fertigstellung soll es Büros, Geschäfte, Restaurants, einen Supermarkt, Arztpraxen und eine Apotheke beherbergen und damit zur Belebung des Platzes beitragen.
Wird der Ostbahnhof in Zukunft wieder wichtiger?
Die geplante Sanierung des Bahnhofs durch die Deutsche Bahn und die Entwicklung der umliegenden Gebiete, insbesondere die Eröffnung der East Side Mall und der Umbau des ehemaligen Warenhauses, lassen darauf hoffen, dass der Ostbahnhof in Zukunft wieder stärker frequentiert wird und seine Umgebung an Attraktivität gewinnt. Ob er jedoch jemals wieder die Bedeutung als europäisches Drehkreuz erlangen wird wie in seiner Zeit als Schlesischer Bahnhof, bleibt abzuwarten.
Fazit
Der Berliner Ostbahnhof ist ein Ort im Wandel. Seine reiche und oft dramatische Geschichte als Schlesischer Bahnhof, das legendäre „Tor zum Osten“ und Zentrum eines lebhaften Milieus, steht im starken Kontrast zu seiner heutigen, eher ruhigen und von Baustellen geprägten Erscheinung. Auch wenn die unmittelbare Umgebung aktuell noch nicht viel zum Verweilen bietet und die gastronomischen Angebote einfach sind, deuten die geplanten Investitionen und Projekte wie die East Side Mall und der Umbau des ehemaligen Warenhauses auf eine zukünftige Belebung hin. Der Ostbahnhof bleibt ein faszinierender Ort, der Geschichte atmet und gleichzeitig auf eine neue Zukunft hofft.
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