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Türken in Berlin: Geschichte und Gegenwart

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Berlin ist bekannt für seine kulturelle Vielfalt, und ein wesentlicher Teil dieser Vielfalt wird von der großen und lebendigen Gemeinschaft von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund geprägt. Sie stellen in der deutschen Hauptstadt die größte ethnische und die am zahlreichsten vertretene nicht-europäische Zuwanderergruppe dar. Heute leben rund 200.000 Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei dauerhaft in Berlin, was etwa 6 Prozent der gesamten Berliner Bevölkerung ausmacht. Damit ist Berlin die Stadt mit der zahlenmäßig größten türkischstämmigen Gemeinschaft außerhalb der Türkei selbst. Doch die Anwesenheit von Menschen aus dem Gebiet der heutigen Türkei in Brandenburg und später Berlin reicht weit zurück, lange bevor die moderne Türkei gegründet wurde oder das Phänomen der Arbeitsmigration bekannt war.

Wer ist der berühmte türkische Restaurantbesitzer?
Nusret Gökçe (türkisch: [nusˈɾet ɟœcˈtʃe]; geboren 1983), besser bekannt als Salt Bae, ist ein türkisch-kurdischer Metzger, Koch und Gastronom. Gökçes Technik zur Fleischzubereitung und -würze wurde im Januar 2017 zu einem Internet-Meme. Er gründete Nusr-Et, eine Kette von Luxus-Steakhäusern.

Die Geschichte der Verbindungen zwischen Brandenburg/Preußen und dem Osmanischen Reich, dem Vorgängerstaat der Türkei, begann bereits im 17. Jahrhundert. Nach den sogenannten Türkenkriegen, insbesondere im Anschluss an den Großen Türkenkrieg von 1683 bis 1699, der durch die zweite türkische Belagerung Wiens ausgelöst wurde, gerieten Soldaten des Osmanischen Reiches in brandenburgische Kriegsgefangenschaft. Diese ersten Individuen aus dem Südosten Europas kamen über Ungarn nach Berlin. Ihre Anwesenheit war zunächst ein Ergebnis militärischer Auseinandersetzungen, legte aber unabsichtlich einen sehr frühen Grundstein für die spätere Präsenz von Menschen aus dieser Region in der preußischen Hauptstadt.

Frühe Kontakte: Von Kriegen und Diplomatie

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich die Beziehungen zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich über den militärischen Kontext hinaus. Unter der Herrschaft von Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, gab es erste geheimdiplomatische Kontakte. Friedrich Wilhelm I. zeigte Interesse an den berühmten Pferden aus Konstantinopel. Ein bemerkenswertes Ereignis war das Geschenk Ahmeds II., eines Sultans des Osmanischen Reiches, an den preußischen König: ein edles Ross aus dem großherrlichen Marstall, das bei seiner Ankunft in Berlin allgemeine Bewunderung hervorrief. Solche Gesten zeigten, dass trotz der historischen Konflikte auch Phasen des Austauschs und der gegenseitigen Anerkennung existierten.

Friedrich II., bekannt als Friedrich der Große, verfolgte eine aktivere Außenpolitik. Nach der preußischen Eroberung Schlesiens suchte er Verbündete gegen Österreich und erwog ein Bündnis mit den Osmanen unter Sultan Mustafa III. Obwohl ein militärisches Bündnis nicht zustande kam, führten diese Bemühungen im Jahr 1761 zu ersten preußisch-türkischen Freundschafts- und Handelsabkommen. Diese Abkommen waren ein wichtiger Schritt, der den Weg für offiziellen Austausch ebnete. Nur zwei Jahre später, 1763, wurde in Berlin eine ständige osmanische Gesandtschaft eingerichtet. Dies markierte die Institutionalisierung der Beziehungen und führte zu einer sichtbaren osmanischen Präsenz in der preußischen Hauptstadt. Die Anwesenheit von Diplomaten und ihrem Gefolge trug zu einem wachsenden Interesse am Osmanischen Reich bei. In der Berliner Gesellschaft entwickelte sich eine regelrechte „Türkenmode“, die sich in Kunst, Mode und Kultur widerspiegelte und bis in die Kaiserzeit anhielt. Diese Mode war oft von idealisierten oder exotisierten Vorstellungen geprägt, zeigte aber das Bewusstsein für die ferne Kultur.

Entwicklung im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war geprägt von einer weiteren Intensivierung der deutsch-türkischen Beziehungen, insbesondere durch den Aufbau deutscher Militärmissionen im Osmanischen Reich. Deutsche Offiziere und Berater wurden entsandt, um das osmanische Heer nach europäischem Vorbild zu modernisieren. Dies führte zu einem verstärkten Austausch auf militärischer Ebene. Gleichzeitig ließen sich einige osmanische Gesandte und ihre Familien dauerhaft in Berlin nieder. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 hatte sich eine kleine, aber beständige türkische Gemeinde in der Stadt etabliert. Diese Gemeinde war jedoch zahlenmäßig klein und hatte kaum Kontakte zur breiteren Berliner Bevölkerung. Während des Ersten Weltkriegs, als das Deutsche Reich und das Osmanische Reich Verbündete waren, kamen weitere osmanische Militärangehörige und Delegationen nach Berlin, was die temporäre Präsenz verstärkte.

In der Weimarer Republik (1918–1933) war Deutschland der größte Handelspartner der 1923 gegründeten modernen Türkei. Diese wirtschaftliche Verbindung war stark, führte aber nicht zu einer nennenswerten Zuwanderung von türkischen Bürgern nach Deutschland oder Berlin. Die Beziehungen konzentrierten sich eher auf Handel und Diplomatie als auf Bevölkerungsbewegungen. Von 1914 bis etwa 1930 existierte die Deutsch-Türkische Vereinigung, deren Ziel die Förderung deutscher kultureller und wirtschaftlicher Interessen in der Türkei war. Diese Vereinigung spiegelte das anhaltende deutsche Interesse an der Türkei wider, auch wenn die Zuwanderung nach Deutschland gering blieb.

Die Ära der Gastarbeiter

Die entscheidende Phase, die zur Entstehung der großen türkischen Gemeinschaft in Berlin führte, begann in den 1960er Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Westdeutschland, und insbesondere West-Berlin, ein starkes Wirtschaftswachstum, das zum sogenannten „Wirtschaftswunder“ führte. Dieses Wachstum schuf einen enormen Bedarf an Arbeitskräften, der durch die heimische Bevölkerung nicht gedeckt werden konnte. Die Bundesrepublik Deutschland schloss daher Anwerbeabkommen mit verschiedenen Ländern, um Arbeitskräfte anzuwerben, die zunächst als „Gastarbeiter“ bezeichnet wurden. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei wurde am 30. Oktober 1961 unterzeichnet. Dies markierte den Beginn einer Massenmigration aus der Türkei nach Deutschland.

Die ersten türkischen Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, waren überwiegend Männer, die in Industriezweigen wie dem Bergbau, der Automobilproduktion und der Textilindustrie dringend benötigt wurden. Viele von ihnen hatten ursprünglich vor, nur wenige Jahre zu bleiben und dann mit ihren Ersparnissen in die Türkei zurückzukehren. Doch die Realität sah oft anders aus. Die Arbeitsbedingungen waren hart, die Integration in die deutsche Gesellschaft schwierig, und die anfängliche Idee der kurzfristigen Anwesenheit wurde durch die Möglichkeit der Familienzusammenführung verändert. Ab den späten 1960er und frühen 1970er Jahren kamen Ehefrauen und Kinder nach, was dazu führte, dass sich die temporären Arbeitsaufenthalte in dauerhafte Niederlassungen verwandelten. Berlin, als wichtige Industriestadt und politisches Zentrum, war ein bedeutendes Ziel für diese Migranten. Besonders die Stadtteile im ehemaligen West-Berlin, wie Kreuzberg, Neukölln und Wedding, entwickelten sich zu Zentren der türkischen Gemeinschaft, oft aufgrund günstigerer Mieten und der Nähe zu Arbeitsstätten.

Die türkische Gemeinschaft heute: Demografie und Vielfalt

Die heute in Berlin lebende türkischstämmige Gemeinschaft ist das Ergebnis dieser langen Geschichte, insbesondere aber der Zuwanderung seit den 1960er Jahren und der nachfolgenden Generationen, die in Deutschland geboren wurden. Die Zahl von rund 200.000 Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei umfasst sowohl türkische Staatsbürger als auch deutsche Staatsbürger, die türkische Wurzeln haben. Sie machen einen bedeutenden Anteil von etwa 6 Prozent der Berliner Bevölkerung aus und sind damit eine der prägendsten Gruppen der Stadt.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Gemeinschaft keineswegs homogen ist. Der Begriff „türkischstämmig“ bezieht sich auf den Migrationshintergrund aus dem Staat Türkei. Die Türkei ist jedoch ein multiethnisches Land. Neben ethnischen Türken stammen viele Menschen in dieser Gemeinschaft auch aus anderen ethnischen Gruppen der Türkei, insbesondere Kurden. Auch andere Gruppen wie Araber, Armenier oder Aramäer aus der Türkei sind vertreten, wenn auch in kleinerer Zahl. Diese ethnische Vielfalt spiegelt sich in der Gemeinschaft wider und führt zu einer reichen inneren Vielfalt an Sprachen (Türkisch, Kurdisch, Zaza, Arabisch etc.), Kulturen und auch politischen Ansichten.

Die Konzentration der türkischstämmigen Bevölkerung in den ehemaligen West-Berliner Bezirken ist immer noch spürbar, auch wenn sich die Menschen inzwischen über die ganze Stadt verteilen. Stadtteile wie Kreuzberg (oft als „Klein-Istanbul“ bezeichnet, auch wenn dieser Begriff vereinfachend ist) und Neukölln haben eine besonders hohe Dichte und sind bekannt für ihr türkisch geprägtes Straßenbild mit zahlreichen Geschäften, Restaurants, Cafés und kulturellen Einrichtungen. Diese Viertel sind zu lebendigen Zentren des interkulturellen Austauschs geworden, auch wenn sie manchmal mit sozialen Herausforderungen konfrontiert sind.

Die türkische Gemeinschaft in Berlin ist heute in verschiedenen Generationen präsent. Die erste Generation der Gastarbeiter ist im Rentenalter oder bereits verstorben. Ihre Kinder und Enkel, die zweite und dritte Generation, sind überwiegend in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie sind stark in die deutsche Gesellschaft integriert, pflegen aber oft auch enge Beziehungen zur Türkei und zur Kultur ihrer Eltern und Großeltern. Diese Generationenbalance führt zu einer dynamischen Entwicklung innerhalb der Gemeinschaft, die sich ständig neu definiert zwischen Herkunft und Gegenwart.

Die Beiträge der türkischen Gemeinschaft zum Leben in Berlin sind vielfältig. Sie haben die Wirtschaftslandschaft mitgeprägt, insbesondere im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Handwerk. Die türkische Küche ist aus Berlin nicht mehr wegzudenken und bereichert das kulinarische Angebot enorm. Kulturell haben Künstler, Musiker, Schriftsteller und Filmemacher mit türkischem Migrationshintergrund das kulturelle Leben der Stadt beeinflusst und bereichert. Auch im politischen Bereich sind türkischstämmige Berliner aktiv und vertreten die Interessen ihrer Gemeinschaft auf lokaler und Landesebene.

Bedeutung für Berlin

Die Präsenz der türkischstämmigen Bevölkerung hat Berlin nachhaltig verändert und zu der weltoffenen und multikulturellen Metropole gemacht, die sie heute ist. Die Herausforderungen der Integration, des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und der Bekämpfung von Diskriminierung sind real, aber die Chancen, die sich aus dieser Vielfalt ergeben, sind immens. Die türkische Gemeinschaft ist ein integraler Bestandteil Berlins, mit einer tiefen Geschichte, die von den ersten Kriegsgefangenen bis zu den heutigen Generationen reicht, die hier geboren und aufgewachsen sind. Ihre Geschichte ist ein Spiegelbild der deutschen Migrationsgeschichte und ein wichtiger Teil der Berliner Identität.

ZeitraumEreignis / EntwicklungBemerkungen
17. JahrhundertErste Anwesenheit von Personen aus dem Osmanischen ReichKriegsgefangene nach Türkenkriegen
18. JahrhundertPreußisch-Osmanische diplomatische KontakteGeschenke, Handelsabkommen, ständige Gesandtschaft in Berlin, „Türkenmode“
19. Jahrhundert - Frühes 20. JahrhundertVertiefung der Beziehungen, kleine türkische GemeindeDeutsche Militärmissionen, osmanische Diplomaten und Familien siedeln sich an
Weimarer RepublikDeutschland wichtigster Handelspartner der TürkeiKeine nennenswerte Zuwanderung
1961Anwerbeabkommen zwischen BRD und TürkeiBeginn der Massenmigration von Arbeitskräften
1960er - 1970er JahreZuwanderung von Gastarbeitern, Beginn der FamilienzusammenführungEntstehung größerer Gemeinschaften, v.a. in West-Berlin
HeuteEtablierte, große und vielfältige GemeinschaftRund 200.000 Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei

Häufig gestellte Fragen zur türkischen Gemeinschaft in Berlin

  • Wie groß ist die türkische Gemeinschaft in Berlin heute?
    Aktuell leben rund 200.000 Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei in Berlin.
  • Woher kamen die ersten Menschen aus dem Gebiet der heutigen Türkei nach Berlin?
    Die allerersten bekannten Personen kamen im 17. Jahrhundert als Kriegsgefangene nach Brandenburg/Berlin.
  • Wann begann die große Zuwanderung aus der Türkei nach Berlin?
    Die massenhafte Zuwanderung begann nach dem Anwerbeabkommen von 1961 im Rahmen des Gastarbeiterprogramms.
  • Ist die türkischstämmige Gemeinschaft in Berlin einheitlich?
    Nein, sie ist ethnisch sehr vielfältig und umfasst neben ethnischen Türken auch große Gruppen von Kurden sowie Angehörige anderer Ethnien aus der Türkei.
  • In welchen Stadtteilen Berlins leben besonders viele Menschen mit türkischem Migrationshintergrund?
    Historisch und auch heute noch leben viele türkischstämmige Berliner in den Bezirken des ehemaligen West-Berlin, insbesondere in Kreuzberg und Neukölln.
  • Welche Rolle spielt die türkische Gemeinschaft für Berlin?
    Sie prägt die Stadt maßgeblich in Wirtschaft, Kultur, Gastronomie und im gesellschaftlichen Leben und ist ein wichtiger Teil der Identität Berlins als multikulturelle Metropole.

Die Geschichte der türkischstämmigen Menschen in Berlin ist eine Geschichte der Migration, der Anpassung, der Herausforderungen und der Erfolge. Sie zeigt, wie aus anfänglichen, oft schwierigen Umständen eine etablierte und wichtige Gemeinschaft geworden ist, die das Gesicht Berlins nachhaltig geformt hat.

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Bruno Auerei Leimen

Ich heiße Bruno Auerei Leimen und wurde 1979 in Heidelberg geboren. Seit über zwanzig Jahren widme ich mich leidenschaftlich der Entdeckung der kulinarischen Vielfalt Deutschlands. Nach meinem Studium der Literatur und des Journalismus an der Universität München habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Liebe zum Schreiben mit meiner Neugier für authentische regionale Küche zu verbinden. Heute arbeite ich als Gastronomiekritiker, habe drei Bücher über kulinarische Reisen veröffentlicht und schreibe regelmäßig für renommierte Magazine. Besonders schlägt mein Herz für traditionelle Gerichte und handwerklich gebrautes Bier.

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