Was ist brasilianisches Rodizio?

Hamburgs Vielfalt: Portugiesenviertel & Rodizio

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Hamburg, die pulsierende Hafenstadt im Norden Deutschlands, ist weltbekannt für ihre maritime Atmosphäre und das „Tor zur Welt“. Doch abseits der klassischen Touristenpfade birgt die Hansestadt eine faszinierende Vielfalt, die sich besonders in ihrer Gastronomie widerspiegelt. Zwei Konzepte stehen dabei oft im Fokus, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig gemein haben: das berühmte Portugiesenviertel und das feurige brasilianische Rodizio. Beide erzählen Geschichten von Migration, Kultur und natürlich – unwiderstehlichem Essen.

Ist Rodizio eine Restaurantkette?
Rodizio ist keine Restaurantkette, Rodizio ist eine brasilianische Spezialität die auch in Europa immer mehr Anklang findet und heißt übersetzt “das sich Drehende”.

Wenn Besucher in Hamburg weilen und Sie ihnen etwas Einzigartiges zeigen möchten, führt der Weg oft hinter die majestätischen Landungsbrücken in ein Viertel, das sich durch bunte Fassaden, enge Gassen und den Duft von Meeresfrüchten und Espresso auszeichnet. Dieses Viertel trägt einen Namen, der Programm zu sein scheint: das Portugiesenviertel.

Das Portugiesenviertel: Ein Schmelztiegel am Hafen

Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf die Frage, warum es hier so viele portugiesische Restaurants gibt, offensichtlich: Weil es das Portugiesenviertel ist! Doch die Geschichte dahinter ist vielschichtiger und reicht tiefer als nur ein Name. Das Viertel, strategisch günstig gelegen unweit des Hafens, war schon immer ein Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt, die über Hamburg nach Amerika auswanderten oder hier Arbeit suchten.

Der heutige Charakter des Viertels wurde maßgeblich ab den 1960er-Jahren geprägt. Deutschland warb aktiv Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern an. Mit dem EU-Beitritt Portugals im Jahr 1986 verstärkte sich dieser Zuzug. Viele Portugiesen fanden im Hamburger Hafen Arbeit und ließen sich in der damals noch vergleichsweise günstigen Gegend nieder. Sie brachten ihre Kultur, ihre Sprache und natürlich ihre kulinarischen Traditionen mit. Kleine Cafés, Pastelerías mit Bergen von Pasteis de Nata und Restaurants, die frischen Fisch und Meeresfrüchte servierten, schossen aus dem Boden. So entstand nach und nach das, was wir heute als das Portugiesenviertel kennen – ein lebendiges Stück Portugal mitten in Hamburg.

Doch das Viertel ist mehr als nur portugiesisches Flair. Seine Geschichte als „Tor zur Welt“ ist tief in seinen Fundamenten verankert. Zwischen 1838 und 1934 machten sich Millionen von Europäern von Hamburg aus auf den Weg in ein neues Leben in Amerika. Viele von ihnen fanden vor ihrer langen Seereise in Unterkünften in genau diesem Bereich des Hafens Obdach. Diese historische Rolle als Transitpunkt für Auswanderer prägt das Bewusstsein für die internationale Verbundenheit Hamburgs bis heute.

Unerwartete Entdeckungen im Portugiesenviertel

Wer denkt, das Portugiesenviertel beschränkt sich auf Portugal, irrt gewaltig. Die Vielfalt ist erstaunlich. Wussten Sie zum Beispiel, dass hier Wein angebaut wird? Ja, am Stintfang, einem Aussichtspunkt, der nebenbei einen fantastischen Blick auf den Hafen bietet, wachsen seit 2022 wieder Weinreben. Lokale Winzer kümmern sich um die „Regent“-Trauben, aus denen ein spezieller „Hamburger Stintfang Cuvée“ entsteht. Dieser ist allerdings nicht im Handel erhältlich, sondern wird von der Stadt als besonderes Geschenk überreicht.

Ein weiteres faszinierendes Detail für Filminteressierte: Im Jahr 1965 diente das Viertel als Kulisse für den Jerry-Cotton-Krimi „Mordnacht in Manhattan“. Um es möglichst amerikanisch aussehen zu lassen, wurden damals extra Ladenschilder angebracht und Kulissen von Hand gemalt – eine beeindruckende Leistung analoger Filmproduktion!

Und dann ist da noch die skandinavische Präsenz. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten viele Skandinavier im Hafenbereich. Die schwedische Gemeinde war so groß, dass sie 1907 ihre eigene Kirche baute – die Gustaf-Adolfs-Kirche, Hamburgs älteste Seemannskirche. Neben Gottesdiensten bot sie auch Gästezimmer für schwedische Seeleute. Heute erkennt man sie leicht an der blau-gelben Flagge. Auch die norwegische, finnische und dänische Seemannskirche sind in der Nähe zu finden. Sie sind nicht nur Orte des Gottesdienstes, sondern auch Treffpunkte der Gemeinden, wo Feste gefeiert werden. Die finnische Seemannskirche bietet sogar einen „Finnshop“ und eine hauseigene Sauna – mitten im vermeintlichen Portugiesenviertel!

Die kulinarische Szene im Viertel ist ebenso facettenreich. Obwohl die portugiesische Gastronomie dominiert, ist ausgerechnet ein italienisches Restaurant, Luigi's, besonders beliebt. Der Grund? Gigantische Pizzen zu fairen Preisen und eine legendäre Tradition: Nach dem Essen werden oft Flaschen Grappa oder Sambuca mit Gläsern auf den Tisch gestellt und bleiben dort, bis die Gäste gehen. Ein einzigartiges Erlebnis!

Für Kaffeeliebhaber und Hundefreunde ist das Café Milch Feinkost in der Dietmar-Koel-Straße ein Geheimtipp. Das hübsche Café, einst ein Milchladen, serviert exzellenten Kaffee und heißt Vierbeiner ausdrücklich willkommen. Eine charmante Besonderheit in einem Viertel voller Überraschungen.

Rodizio: Das brasilianische Grill-Spektakel

Von den engen Gassen des Portugiesenviertels geht die kulinarische Reise weiter nach Brasilien – zu einem Konzept, das puren Genuss und Geselligkeit verspricht: Rodizio. Dieser Begriff steht nicht für eine Restaurantkette, sondern für eine brasilianische Grillspezialität, deren Name wörtlich „das sich Drehende“ bedeutet.

Das Rodizio hat seinen Ursprung im Süden Brasiliens, der Heimat der Gauchos – der traditionellen Viehhirten Südamerikas. Sie entwickelten diese Art des Grillens, bei der verschiedene Fleischsorten auf großen Spießen über offenem Feuer gegart werden. Das Konzept, wie wir es heute kennen, entstand in den 1950er-Jahren in São Paulo und verbreitete sich von dort aus schnell im ganzen Land und schließlich weltweit.

Das Besondere am Rodizio ist das Servicekonzept: Es ist ein All-you-can-eat-Erlebnis zum Festpreis. Doch anstatt sich an einem Buffet zu bedienen, kommen sogenannte „Cortadores“ (moderne Gauchos) mit den großen Fleischspießen direkt an den Tisch. Sie schneiden Tranche für Tranche der saftigen, frisch gegrillten Fleischstücke direkt auf den Teller des Gastes. Solange der Gast signalisiert, dass er noch essen möchte (oft durch eine grüne Karte auf dem Tisch), drehen die Cortadores ihre Runden und bieten immer wieder neue Fleischsorten an. Wenn man satt ist, dreht man die Karte auf Rot, und die Fleischparade stoppt – zumindest vorübergehend.

Vielfalt auf dem Spieß: Welche Fleischsorten gehören zum Rodizio?

Rodizio zeichnet sich durch eine beeindruckende Auswahl an Fleisch aus. Es geht nicht um eine einzige Sorte, sondern um eine Parade verschiedenster Köstlichkeiten. Zu den häufigsten Fleischsorten, die auf den Spießen zu finden sind, gehören:

  • Rindfleisch (oft verschiedene Cuts wie Picanha, Hüfte, Filet)
  • Schweinefleisch (z.B. Schweinekeule)
  • Lammfleisch (oft Lammkeule)
  • Hühnchen (z.B. Hähnchenschenkel, Hähnchenherzen)

Darüber hinaus können je nach Restaurant auch weitere Spezialitäten serviert werden, wie:

  • Pute im Speckmantel
  • Brasilianische Würstchen
  • Kassler
  • Innereien wie Leber oder Nieren (in manchen Regionen)
  • Portugiesische oder spanische Wurstsorten wie Chorizo oder Linguica

Das Fleisch wird oft nur mit grobem Salz gewürzt, um den Eigengeschmack hervorzuheben, oder mit speziellen Marinaden verfeinert, die Knoblauch, Zwiebeln, Limettensaft, Olivenöl und Gewürze enthalten können. Das langsame Garen auf dem Spieß sorgt für eine unglaubliche Zartheit und Saftigkeit.

Passende Beilagen zum Rodizio

Obwohl das Fleisch eindeutig im Mittelpunkt steht, runden die Beilagen das Rodizio-Erlebnis ab. In Brasilien sind die Klassiker Reis und schwarze Bohnen (Feijão). Oft werden auch scharfe Saucen oder Dips mit Chili gereicht. Doch die Auswahl ist vielfältiger und kann je nach Restaurant variieren. Typische Beilagen sind:

Fleischsorten (Auswahl)Beilagen (Auswahl)
Rindfleisch (Picanha, Hüfte)Reis
Schweinefleisch (Keule)Schwarze Bohnen (Feijão)
Lammfleisch (Keule)Gebackene Bananen (Bananas Fritas)
Hühnchen (Schenkel, Herz)Salate (Kartoffel, Nudel, Tomate-Mozzarella)
Pute im SpeckmantelFolienkartoffeln
Chorizo / LinguicaPommes frites
KasslerBrokkoli, Pilze, Paprika

Eine besonders beliebte und typisch brasilianische Beilage sind gebackene Bananen, die eine süße Note zum herzhaften Fleisch bieten. Oft werden auch frische Salate, Folienkartoffeln oder Pommes frites angeboten.

Warum gibt es so viele portugiesische Restaurants in Hamburg?
Vor allem, nachdem Portugal 1986 der EU beigetreten war, kamen Portugies*innen nach Hamburg. Einige fanden Arbeit am Hafen und ließen sich deshalb in der damals günstigen Gegend nieder. Deshalb gibt es hier so viele tolle portugiesische Restaurants, Galão en masse und Berge an Pasteis de Nata.

Zum Abschluss des Rodizio-Erlebnisses wird traditionell oft gegrillte Ananas mit Zimt serviert, die nicht nur köstlich schmeckt, sondern auch die Verdauung unterstützen soll. Manchmal gibt es auch frittierte Bananen oder Apfelringe als süßen Abschluss.

Rodizio zu Hause? Tipps für das Grillvergnügen

Wer das Rodizio-Erlebnis zu Hause nachempfinden möchte, kann mit einigen Tipps erfolgreich sein. Wichtig ist die Auswahl verschiedener, hochwertiger Fleischsorten. Das Fleisch sollte bei mittlerer Hitze gegrillt und regelmäßig gewendet werden, um eine gleichmäßige Garung zu gewährleisten. Das Marinieren des Fleisches vorab kann den Geschmack intensivieren und es zarter machen. Auch wenn man zu Hause vielleicht keine Cortadores hat, das Prinzip, verschiedene Fleischsorten frisch vom Grill zu servieren, lässt sich gut umsetzen.

Hamburgs kulinarische Vielfalt als Spiegel der Geschichte

Die Existenz des Portugiesenviertels und die Beliebtheit brasilianischer Konzepte wie Rodizio in Hamburg sind beides Zeugnisse der Geschichte der Stadt als offenes Tor zur Welt. Sie zeigen, wie Migration und internationaler Austausch nicht nur die Demografie, sondern auch die Kultur und die Gastronomieszene bereichern. Das Portugiesenviertel mit seinen vielfältigen Einflüssen von Portugal über Skandinavien bis Italien und das Rodizio mit seinen tiefen Wurzeln in der brasilianischen Gaucho-Tradition bieten einzigartige Geschmackserlebnisse und Einblicke in andere Kulturen.

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Hier finden Sie Antworten auf einige gängige Fragen zum Portugiesenviertel und Rodizio:

Warum gibt es so viele portugiesische Restaurants im Portugiesenviertel Hamburg?

Das Viertel wurde ab den 1960er-Jahren, insbesondere nach dem EU-Beitritt Portugals 1986, zur Heimat vieler portugiesischer Gastarbeiter, die Arbeit im nahegelegenen Hafen fanden und sich in der damals günstigen Gegend niederließen. Sie eröffneten Geschäfte, Cafés und Restaurants, die ihre Kultur und Küche widerspiegeln.

Was genau ist Rodizio?

Rodizio ist ein brasilianisches Grillkonzept und bedeutet „das sich Drehende“. Es ist ein All-you-can-eat-Erlebnis, bei dem verschiedene Fleischsorten auf großen Spießen gegrillt und von Kellnern (Cortadores) direkt am Tisch portioniert werden.

Ist Rodizio eine Restaurantkette?

Nein, Rodizio ist keine Restaurantkette. Es ist ein spezifisches Service- und Grillkonzept, das in vielen verschiedenen Restaurants (oft brasilianisch spezialisiert) weltweit angeboten wird.

Welche Fleischsorten sind typisch für Rodizio?

Typische Fleischsorten sind Rind (z.B. Picanha), Schwein, Lamm und Hühnchen. Oft werden auch Pute im Speckmantel, brasilianische Würstchen oder in manchen Regionen auch Innereien serviert.

Welche Beilagen werden beim Rodizio serviert?

Klassische brasilianische Beilagen sind Reis und schwarze Bohnen. Häufig werden auch gebackene Bananen, Salate (Kartoffel-, Nudel-, Tomate-Mozzarella), Folienkartoffeln, Pommes frites oder gegrilltes Gemüse gereicht. Zum Abschluss gibt es oft gegrillte Ananas.

Wo genau liegt das Portugiesenviertel in Hamburg?

Das Portugiesenviertel liegt in Hamburg-Neustadt, direkt hinter den St. Pauli Landungsbrücken und erstreckt sich über mehrere Blocks, hauptsächlich entlang der Straßen Dietmar-Koel-Straße und Rademachergang.

Fazit

Ob Sie durch die lebhaften Straßen des Portugiesenviertels schlendern, die Spuren der Geschichte entdecken und vielfältige internationale Einflüsse erleben, oder sich dem opulenten Genuss eines brasilianischen Rodizio hingeben – Hamburgs Gastronomieszene ist ein Spiegelbild seiner reichen Historie und seiner Offenheit. Diese Orte bieten mehr als nur Mahlzeiten; sie sind Erlebnisse, die Geschichten erzählen und die Stadt als echtes Tor zur Welt erlebbar machen. Ein Besuch lohnt sich immer, um diese einzigartige Mischung aus Tradition, Vielfalt und kulinarischer Leidenschaft selbst zu entdecken.

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Bruno Auerei Leimen

Ich heiße Bruno Auerei Leimen und wurde 1979 in Heidelberg geboren. Seit über zwanzig Jahren widme ich mich leidenschaftlich der Entdeckung der kulinarischen Vielfalt Deutschlands. Nach meinem Studium der Literatur und des Journalismus an der Universität München habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Liebe zum Schreiben mit meiner Neugier für authentische regionale Küche zu verbinden. Heute arbeite ich als Gastronomiekritiker, habe drei Bücher über kulinarische Reisen veröffentlicht und schreibe regelmäßig für renommierte Magazine. Besonders schlägt mein Herz für traditionelle Gerichte und handwerklich gebrautes Bier.

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