Der JenTower in Jena ist heute ein unverwechselbares und weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt. Er dient nicht nur als markanter Orientierungspunkt im Stadtbild, sondern erzählt auch eine bewegte Geschichte, die eng mit den städtebaulichen Visionen der sozialistischen Ära und den Debatten der Nachwendezeit verknüpft ist. Als einziges realisiertes Gebäude des ambitionierten „Jenaer Ensembles“, eines sozialistischen Bebauungsplans, stellte sein Bau einen tiefgreifenden Eingriff in die historische Struktur der Innenstadt dar, was ihn insbesondere Mitte der 1990er Jahre zu einem Objekt heftiger Diskussionen machte.

Die Bezeichnung des Turms ist bis heute nicht einheitlich. Während „JenTower“ die aktuelle offizielle Benennung darstellt, wird er im Volksmund oder nach seinen Hauptmietern oft anders genannt. Der Schriftzug am Turm führte zur Bezeichnung „Intershop-Turm“. Sein zylindrisches Aussehen brachte ihm den Spitznamen „Keksrolle“ ein. Früher, als er noch von der Universität genutzt wurde, war er als „Universitäts-Hochhaus“ oder kurz „Uni-Turm“ bekannt. Die ursprüngliche und eher technische Bezeichnung in den Bauunterlagen des VEB Carl-Zeiss Jena lautete FNB 71 (Forschungsneubau 71). Diese Vielfalt an Namen spiegelt seine wechselvolle Geschichte und die unterschiedlichen Phasen seiner Nutzung wider.
Planung und Bau: Der Beginn des „Jenaer Ensembles“
Die Geschichte des JenTowers beginnt im Kontext einer umfassenden Neugestaltung des Jenaer Stadtzentrums, die ab 1968 im Rahmen eines sozialistischen Bebauungsplans konzipiert wurde. Dieser Plan, der im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet wurde, sah von Anfang an den Bau eines markanten Hochhauses vor. Gleichzeitig war mit diesem Plan der Abriss großer Teile der historischen Altstadt verbunden, ein Vorhaben, das 1969 bereits zu schmerzhaften Veränderungen im Stadtbild führte.
Als erster und, wie sich später herausstellen sollte, auch einziger Bestandteil des geplanten „Jenaer Ensembles“ wurde der Bau des Forschungshochhauses für den VEB Carl-Zeiss Jena beschlossen. Der Baubeginn dieses ambitionierten Projekts war am 30. April 1970. Das Gebäude war ursprünglich als Forschungsneubau (FNB 71) für das VEB Carl-Zeiss Jena konzipiert und sollte modernste Arbeitsbedingungen für die Forschung bieten.
Während der Bauphase stellte sich jedoch heraus, dass das Gebäude für den ursprünglich vorgesehenen Forschungszweck nicht optimal geeignet war. Daraufhin traf man die Entscheidung, das fast fertiggestellte Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen. Noch während der Bauarbeiten, am 1. Januar 1972, übergab der VEB Carl-Zeiss Jena das Hochhaus an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Diese Überführung markierte einen Wendepunkt in der frühen Geschichte des Turms, der fortan als zentrales Universitätsgebäude dienen sollte. Die offizielle Einweihung des nunmehrigen „Universitäts-Hochhauses“ fand im Oktober desselben Jahres statt.
Interessanterweise gab es während der gesamten Planungs- und Bauzeit kaum öffentliche Debatten oder Proteste. Dies lag zum einen an der damaligen politischen Struktur: Entscheidungen von solcher Tragweite wurden nicht auf lokaler Ebene in Jena getroffen, sondern zentral in Berlin. Zum anderen boten die damaligen Lokalzeitungen kein Forum für kritische Diskussionen; Leserbriefe, die sich kritisch äußerten, wurden kaum abgedruckt. Dennoch gab es, wenn auch erst nach dem Abriss von Teilen der Innenstadt im Jahr 1969, vereinzelt Diskussionsrunden unter den Bürgern verschiedener Jenaer Stadtteile. Die Eindrücke der Bürger waren gemischt, wie ein Interview mit einem Geschäftsbesitzer in der Innenstadt zeigt: „Gleichgültig war es mir nicht, weil ich schon dachte, die kleine Innenstadt […], ob das nun so sein musste. Aber es war natürlich auf der anderen Seite das höchste Haus Thüringens, und was alles so die Superlative waren. Aber eine Beziehung hatte ich nie dazu. Was wollen Sie machen, wenn das Ding steht, da können Sie sich nur den ganzen Tag ärgern, und das ärgert niemanden weiter als Sie selbst. So kritisch war ich dann auch nicht“.
Viele Namen für einen Turm
Die Identität des JenTowers ist eng mit seiner wechselnden Nutzung und Wahrnehmung verbunden. Im Laufe der Jahrzehnte trug er verschiedene Namen, die jeweils eine bestimmte Phase oder Perspektive auf das Gebäude widerspiegeln:
| Name | Herkunft/Bedeutung | Zeitraum/Kontext |
|---|---|---|
| FNB 71 | Forschungsneubau 71 | Planungs- und frühe Bauphase (VEB Carl-Zeiss Jena) |
| Universitäts-Hochhaus / Uni-Turm | Nutzung durch die Friedrich-Schiller-Universität Jena | Ab 1972 bis 1996 |
| Keksrolle | Umgangssprachlicher Spitzname aufgrund der runden Form | Langjährig, bis heute gebräuchlich |
| Intershop-Turm | Nach dem Hauptmieter (Intershop Communications AG) und dem Schriftzug | Ab den späten 1990er Jahren |
| JenTower | Offizielle Benennung | Gegenwärtig |
Diese Vielfalt an Bezeichnungen zeigt, wie das Gebäude im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert ist und welche Rollen es im Laufe seiner Geschichte eingenommen hat. Vom zweckgebundenen Forschungsbau bis hin zum modernen Büro- und Dienstleistungsturm – jeder Name erzählt einen Teil seiner Geschichte.
Die Kontroverse um das Stadtbild nach 1989/90
Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Ende der DDR-Planungssysteme geriet der Turm in Jena verstärkt in den Fokus kritischer Betrachtungen. Der Bebauungsplan für die Innenstadt aus dem Jahr 1993 sah zwar den Erhalt des Turms vor, der damals noch als Universitätshochhaus genutzt wurde, bewertete ihn jedoch gleichzeitig negativ als Bruch des Maßstabs und als Störung des historischen Stadtbilds. Es gab vereinzelt Stimmen, die einen Abriss des Hochhauses forderten, um das historische Stadtbild wiederherzustellen.
Eine wirklich hitzige und öffentlich geführte Debatte entbrannte jedoch erst im Jahr 1996. Auslöser war die Entscheidung der Friedrich-Schiller-Universität Jena, den Turm aufzugeben und ihre Institute aus dem Gebäude zu verlagern. Diese Entwicklung stellte die Stadt und das Land Thüringen vor eine grundlegende Frage: Sollte das nun leerstehende Gebäude abgerissen werden, oder sollte es saniert und einer neuen Nutzung zugeführt werden?
Die Befürworter eines Abrisses argumentierten mit verschiedenen Punkten. Ein zentrales Argument, das sich auf damalige Gutachten stützte, war die vermeintliche Kostengünstigkeit eines Abrisses im Vergleich zu einer umfassenden Sanierung. Stärker noch wog jedoch das städtebauliche Argument: Man war der Meinung, dass die ursprüngliche Struktur und der Charakter der historischen Stadtmitte nur dann wiederhergestellt werden könnten, wenn der Turm, der als Fremdkörper empfunden wurde, verschwände.
Die Gegner eines Abrisses hielten dagegen. Sie argumentierten emotional und historisch, indem sie darauf hinwiesen, dass ein Abriss des Hochhauses für jüngere Generationen einen ähnlich schmerzhaften Verlust darstellen würde wie der Abriss der Innenstadt in den 1960er Jahren für ältere Generationen. Darüber hinaus hatte sich der Turm in den Jahrzehnten seines Bestehens selbst zu einem wichtigen Wahrzeichen Jenas entwickelt. Er war und ist schon von Weitem sichtbar und dient vielen als Orientierungspunkt. Für die Befürworter des Erhalts symbolisierte der Turm zudem die Bedeutung der Technik und Wissenschaft für Jena, die traditionell eng mit der Stadt verbunden sind.
Letztendlich setzte sich die Position der Abrissgegner durch. Der Turm blieb erhalten. Das Land Thüringen verkaufte das Gebäude an die Saller Gewerbebau GmbH. In den Jahren 1999 und 2000 wurde der Turm einer umfassenden Sanierung unterzogen. Dabei wurde das Gebäude vollständig entkernt und anschließend von Grund auf erneuert und modernisiert. Diese Sanierung bereitete den Turm auf seine heutige Nutzung vor.
Nach der Wende: Erhalt, Sanierung und Neunutzung
Nachdem die politische Entscheidung für den Erhalt des Turms gefallen war, folgte die Phase der Transformation. Die umfassende Sanierung in den Jahren 1999/2000 war notwendig, um das Gebäude an moderne Standards anzupassen und für eine neue Nutzung attraktiv zu machen. Die vollständige Entkernung bedeutete, dass im Prinzip nur die Grundstruktur des Turms erhalten blieb und das Innere komplett neu gestaltet wurde.
Heute wird der JenTower hauptsächlich als modernes Bürohochhaus genutzt. Der Hauptmieter, der maßgeblich zur Benennung „Intershop-Turm“ beitrug, ist die Intershop Communications AG. Neben Büros beherbergt der Turm aber auch weitere wichtige Funktionen, die ihn zu einem belebten Ort machen. Es gibt eine öffentliche Aussichtsplattform in den oberen Stockwerken, die einen Panoramablick über Jena und Umgebung bietet. Des Weiteren sind ein Hotel und ein Restaurant im Turm untergebracht, die sowohl für Besucher als auch für Einheimische attraktiv sind.
Auch der Bereich am Fuße des Turms wurde neu gestaltet und in das Gesamtkonzept integriert. Im Neubau des Turmfußes befindet sich das Einkaufszentrum „Neue Mitte“, das verschiedene Geschäfte beherbergt und somit den JenTower in das städtische Einkaufsleben einbindet. Eine Tiefgarage bietet Parkmöglichkeiten für Besucher und Mieter. Die heutige Nutzung als multifunktionales Gebäude – Büros, Hotel, Restaurant, Aussichtsplattform, Einkaufszentrum – stellt einen erheblichen Unterschied zur ursprünglichen Planung als reines Forschungsgebäude oder zur Nutzung als Universitätshochhaus dar und zeigt die erfolgreiche Transformation des Turms nach der Kontroverse um seinen Abriss.
Die Meinungen der Bürger zur endgültigen Entscheidung, den Turm zu erhalten, waren und sind weiterhin vielfältig. Die oben zitierte Person, Armin Jendrich, fasste seine Gefühle nach der Entscheidung zur Sanierung und Neunutzung pragmatisch zusammen: „Ja, da habe ich gedacht, es [der Abriss] wäre ganz schön, aber es hieß ja dann, es wird saniert, es werden Büros gebraucht, es wird Platz gebraucht: Und man hatte sich schon dran gewöhnt. Also ich hätte nicht geweint, wenn er abgerissen worden wäre, aber ich hab auch nicht geweint, dass er stehengeblieben ist“.
Fakten und Nutzung heute
Der JenTower ist mit seiner Höhe das höchste Gebäude Jenas und prägt maßgeblich die Skyline der Stadt. Nach der umfassenden Sanierung in den Jahren 1999/2000 präsentiert er sich als modernes Gebäude, das vielfältige Nutzungen unter einem Dach vereint. Die Kombination aus Büroflächen, Dienstleistungen, Gastronomie und touristischen Angeboten wie der Aussichtsplattform macht ihn zu einem wichtigen Bestandteil des städtischen Lebens.
Die Entwicklung vom geplanten Forschungsgebäude FNB 71 über das Universitätshochhaus bis hin zum modernen JenTower mit Büros, Hotel und Restaurant zeigt die Anpassungsfähigkeit des Gebäudes an unterschiedliche Bedürfnisse und politische sowie wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Trotz der ursprünglichen Debatten über seine Integration in das Stadtbild hat sich der Turm zu einem festen und akzeptierten Bestandteil Jenas entwickelt und ist heute für viele untrennbar mit der Identität der Stadt verbunden.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wann wurde der JenTower gebaut?
Der Bau des JenTowers, ursprünglich als Forschungshochhaus FNB 71 geplant, begann am 30. April 1970. Die Einweihung, nachdem das Gebäude an die Universität übergeben wurde, erfolgte im Oktober 1972.
Wie hieß der JenTower früher?
Der Turm hatte im Laufe seiner Geschichte verschiedene Namen. Ursprünglich hieß er in den Bauunterlagen FNB 71. Nachdem er an die Universität übergeben wurde, nannte man ihn Universitäts-Hochhaus oder Uni-Turm. Umgangssprachlich ist er auch als „Keksrolle“ bekannt. Nach der Sanierung und mit dem Einzug des Hauptmieters Intershop Communications AG wurde er oft als „Intershop-Turm“ bezeichnet, während die offizielle Bezeichnung heute JenTower lautet.
Warum war der Bau des JenTowers umstritten?
Der Bau war Teil eines sozialistischen Bebauungsplans, der einen massiven Eingriff in die historische Altstadt Jenas vorsah. Der Turm selbst wurde als Bruch des Maßstabs und als Störung des historischen Stadtbilds empfunden. Insbesondere in den 1990er Jahren, nach dem Auszug der Universität, entbrannte eine hitzige Debatte über seinen möglichen Abriss oder Erhalt.
Was befindet sich heute im JenTower?
Heute wird der JenTower hauptsächlich als Bürogebäude genutzt, unter anderem von der Intershop Communications AG. Darüber hinaus beherbergt er ein Hotel, ein Restaurant und eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform. Am Fuße des Turms befindet sich das Einkaufszentrum „Neue Mitte“ mit einer Tiefgarage.
Ist der JenTower das höchste Gebäude in Thüringen?
Der JenTower war zur Zeit seiner Fertigstellung in den 1970er Jahren das höchste Haus Thüringens. Ob er diesen Titel heute noch trägt, wird im bereitgestellten Text nicht explizit bestätigt, aber er wird als das höchste Haus von Jena und als sehr hohes Gebäude in Thüringen im Kontext der damaligen Superlative erwähnt.
Wurde der JenTower abgerissen?
Nein, trotz der Debatten in den 1990er Jahren wurde der Turm nicht abgerissen. Er wurde stattdessen verkauft, umfassend saniert (1999/2000) und einer neuen Nutzung zugeführt.
Was bedeutet FNB 71?
FNB 71 war die ursprüngliche Bezeichnung in den Bauunterlagen und steht für „Forschungsneubau 71“. Es war das geplante Forschungsgebäude für den VEB Carl-Zeiss Jena.
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