Der Stephansplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk ist weit mehr als nur der Platz rund um den berühmten Stephansdom. Er ist ein Ort mit einer tief verwurzelten Geschichte, die Jahrhunderte zurückreicht und die Entwicklung Wiens auf einzigartige Weise widerspiegelt. Einst ein Friedhof umgeben von zahlreichen Gebäuden, hat sich der Stephansplatz zu einem lebendigen Zentrum des städtischen Lebens entwickelt, dessen heutiges Erscheinungsbild das Ergebnis zahlreicher Umgestaltungen und historischer Ereignisse ist.

Die älteste bekannte Erwähnung des Platzes datiert bereits auf das Jahr 1385, als von „auf sand Stephannsplacz“ die Rede war, auch wenn dies sich damals nur auf die Häuser gegenüber dem Riesentor bezog. Die offizielle Benennung und Gestaltung als Platz, wie wir ihn heute im Kern kennen, erfolgte jedoch deutlich später, nämlich Ende des 18. Jahrhunderts. Bis dahin war das Areal maßgeblich vom Stephansfreithof geprägt, einem Friedhof, der bereits 1255 erwähnt wurde und zusammen mit der Maria-Magdalena-Kapelle (der heutigen Virgilkapelle) und einer Reihe von Gebäuden das Bild bestimmte.
Die Anfänge: Friedhof, Kapellen und Tore
Das mittelalterliche Bild des Stephansplatzes unterschied sich stark vom heutigen. St. Stephan und der dazugehörige Friedhof waren von Häusern umgeben. Die Grenzlinien dieser Bebauung sind an drei Seiten (heute Stephansplatz 3-7) erstaunlicherweise unverändert geblieben. Der Bereich konnte durch vier Tore abgeschlossen werden, was seine Funktion als umfriedeter Friedhofsbereich unterstreicht. Im 15. Jahrhundert gab es bereits eine Häuserzeile zwischen der Westfassade des Doms und dem Bereich, der heute als Brandstatt bekannt ist.
Zu den Gebäuden und Toren, die das Bild prägten und später abgerissen wurden, gehörten:
- Das Mesnerhaus, das durch das Mesnertor mit dem Pfarrhof verbunden war.
- Der Heilthumstuhl, der mit einem westlich gelegenen Gebäude (heute vor Stephansplatz 8A) verbunden war.
- Das Barleiherhaus (1792 abgebrochen).
- Das Kirchenschließerhaus (1792 abgebrochen).
- Die Domkantorei (1803 abgebrochen). Zwischen den beiden letztgenannten Gebäuden befand sich das Zinnertor.
Östlich der Domkantorei stand die Maria-Magdalena-Kapelle, die 1781 abbrannte und deren Baureste danach entfernt wurden. Darunter befand sich der Neue Karner, heute bekannt als Virgilkapelle. Weiter östlich standen zwei Bürgerhäuser: das Joachimsburgersche Haus (abgebrochen 1803) und das Fruckenbergsche Haus (abgebrochen 1792).
Die Nutzung des Stephansfreithofs als Begräbnisstätte endete 1732; Beerdigungen wurden fortan am Neuen Stephansfreithof durchgeführt. Die Gräber auf dem alten Freithof wurden 1783 geräumt, und zwischen 1788 und 1792 wurden schließlich auch die Friedhoftore abgetragen.
Wandel und Neugestaltung im Laufe der Jahrhunderte
Die Umgestaltung des Stephansplatzes war ein fortschreitender Prozess. Der Bau des Churhauses zwischen 1738 und 1740 führte zum Abriss mehrerer Gebäude, darunter die Bürgerschule zu St. Stephan, ein Bürgerhaus sowie die Steinhütte (die Dombauhütte) und ein Teil des Raubergäßchens.
Ein entscheidender Moment für die heutige Form des Platzes war das Jahr 1792. Anlässlich der Rückkehr von Franz II. von seiner Krönungsreise beschlossen der Magistrat und der Innere Rat der Stadt Wien, das Friedhofareal grundlegend umzugestalten. Interessanterweise wurde das ursprünglich für den Bau von Triumphbögen und Ehrenpforten vorgesehene Geld auf Wunsch des Monarchen für die Regulierung des Platzes verwendet. Seit dieser Zeit trägt das Areal offiziell den Namen Stephansplatz.
Durch die Demolierung der Häuserzeile zwischen Dom und Brandstatt verlor der Stock-im-Eisen-Platz seine bauliche Trennung vom Stephansplatz. Eine ähnliche Entwicklung gab es Ende der 1860er Jahre auch in Richtung Graben, als dort trennende Häusergruppen abgerissen wurden – teils aus verkehrstechnischen Gründen, teils um den Blick auf den Stephansturm freizugeben.
Eine Besonderheit des Stephansplatzes, die von der üblichen Wiener Praxis abweicht, ist seine Nummerierung. Die Häuser und Gebäude rund um den Platz werden gegen den Uhrzeigersinn nummeriert.
Vom Verkehrsknotenpunkt zur Fußgängerzone
Bis in die 1970er Jahre war der Stephansplatz für den Autoverkehr geöffnet und ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Herzen der Stadt. Dies änderte sich radikal mit dem Bau der U-Bahn. Die Bauarbeiten verwandelten den Platz vor dem Dom für mehrere Jahre in eine riesige Baugrube. Nach Abschluss dieser umfangreichen Arbeiten erfolgte zwischen 1977 und 1978 die Umgestaltung des Areals zur Fußgängerzone. Diese Maßnahme trug wesentlich dazu bei, die Aufenthaltsqualität am Platz zu verbessern und ihn stärker auf Fußgänger auszurichten.
Die Umgestaltung 2017: Ein modernes Pflaster
Im Jahr 2017 erfuhr der Stephansplatz eine weitere bedeutende Neugestaltung seiner Oberfläche. Zuvor, im Sommer 2016, waren bereits die Gas-, Strom- und Wasserrohre erneuert worden. Die eigentliche Sanierung der Platzoberfläche begann am 13. März 2017 und dauerte bis zum 10. November 2017. Der Baubereich umfasste nicht nur den kompletten Stephansplatz selbst, sondern auch die angrenzenden Einmündungen der Rotenturmstraße, der Brandstätte und der Schulerstraße sowie die gesamte Churhausgasse.
Die Gestaltung der neuen Oberfläche folgte dem Konzept des Architekten Clemens Kirsch. Dabei kamen die bereits von der Kärntner Straße bekannten großformatigen Granitplatten aus dem Waldviertel zum Einsatz. Diese Platten in verschiedenen Grautönen wurden im sogenannten „Römischen Verband“ verlegt. Diese traditionsreiche Verlegeart ist besonders gut für offene Platzräume geeignet, da sie keine bestimmte Richtung bevorzugt und so eine harmonische Gesamtfläche schafft.
Für die Pflasterung der Oberfläche wurden beeindruckende Mengen an Material benötigt: Insgesamt 36.400 Granitplatten und Granitsteine, die eine Fläche von 10.700 Quadratmetern bei einer Stärke von 14 Zentimetern bedeckten. Neben dem neuen Pflaster umfassten die wesentlichen gestalterischen Elemente der Neugestaltung auch eine neue Straßenbeleuchtung und die Installation von neuen Sitzgelegenheiten, bei denen kein Konsumationszwang besteht, was die Aufenthaltsqualität weiter erhöht.
Archäologische Einblicke: Funde unter dem Pflaster
Die Geschichte des Stephansplatzes ist auch unter der Oberfläche präsent. Bereits 1972 begann die archäologische Ausgrabung der Magdalenskapelle, die wichtige Einblicke in die frühere Bebauung gab.
Während der Sanierungsarbeiten im Jahr 2017 kam es zu einer bemerkenswerten Entdeckung: Am 9. Mai 2017 wurde ein Skelett gefunden. Diese menschlichen Überreste, die vermutlich mehrere Jahrhunderte alt sind, lagen direkt über der unterirdischen Virgilkapelle bzw. den Mauern der einstigen Maria-Magdalenen-Kapelle. Die Bestattung fand wahrscheinlich im Spätmittelalter oder der Frühen Neuzeit statt. Der Fundort nur etwa 50 Zentimeter unter der damaligen Oberfläche zeigt, wie dicht die Geschichte unter unseren Füßen liegt. Das Skelett wurde geborgen und anthropologisch untersucht. Es ist wichtig zu wissen, dass der Platz in der Vergangenheit schon oft aufgegraben wurde, beispielsweise für technische Einbauten oder im Zuge des U-Bahn-Baus, was die Wahrscheinlichkeit weiterer Funde in der Zukunft nicht ausschließt.
Historische Eckdaten des Stephansplatzes
Um die Entwicklung des Stephansplatzes besser zu verstehen, hier eine Übersicht über wichtige Zeitpunkte und Ereignisse:
| Zeitraum / Datum | Ereignis / Zustand |
|---|---|
| Erwähnung 1255 | Erste Erwähnung des Stephansfreithofs |
| 1385 | Älteste Nennung als „auf sand Stephannsplacz“ (für Häuser 8-10) |
| 1732 | Stephansfreithof wird nicht mehr belegt |
| 1738-1740 | Bau des Churhauses, Abriss diverser Gebäude |
| 1781 | Brand der Maria-Magdalena-Kapelle |
| 1783 | Gräber auf dem Stephansfreithof geräumt |
| 1788-1792 | Friedhoftore abgetragen |
| 1792 | Offizielle Benennung als Stephansplatz nach Umgestaltung |
| 1792-1803 | Abriss der Häuserzeile zwischen Westfassade und Brandstatt |
| Ende 1860er | Abriss von Häusern Richtung Graben |
| Bis 1970er Jahre | Platz für Autoverkehr befahrbar |
| 1970er Jahre | U-Bahn-Bau, Platz als Baugrube |
| 1977/1978 | Umgestaltung zur Fußgängerzone |
| Sommer 2016 | Erneuerung von Gas-, Strom- und Wasserrohren |
| 13. März - 10. November 2017 | Generalsanierung der Platzoberfläche |
| 9. Mai 2017 | Entdeckung eines Skeletts während der Sanierung |
Häufig gestellte Fragen zum Stephansplatz
Basierend auf der Geschichte des Platzes ergeben sich oft Fragen:
Wie alt ist der Stephansplatz wirklich?
Die älteste schriftliche Nennung als „Stephansplatz“ stammt aus dem Jahr 1385, auch wenn sich das damals nur auf einen Teilbereich bezog. Als offiziell benannter und gestalteter Platz, der das ehemalige Friedhofareal umfasst, existiert er seit 1792.
Was befand sich früher an der Stelle des Platzes?
Vor seiner Umgestaltung war das Areal hauptsächlich der Stephansfreithof, der Friedhof rund um den Dom. Dort befanden sich auch die Maria-Magdalena-Kapelle mit der Virgilkapelle darunter sowie verschiedene umliegende Häuser und Tore.
Warum ist die Nummerierung der Häuser am Stephansplatz ungewöhnlich?
Anders als bei den meisten Plätzen in Wien, wo im Uhrzeigersinn nummeriert wird, erfolgt die Nummerierung der Gebäude am Stephansplatz gegen den Uhrzeigersinn.
Wann wurde der Stephansplatz zur Fußgängerzone?
Nach Abschluss der U-Bahn-Bauarbeiten in den 1970er Jahren wurde der Platz zwischen 1977 und 1978 zur Fußgängerzone umgestaltet.
Welche Materialien wurden bei der letzten großen Sanierung 2017 verwendet?
Für die neue Platzoberfläche wurden großformatige Granitplatten aus dem Waldviertel in verschiedenen Grautönen verwendet, verlegt im „Römischen Verband“. Es wurden 36.400 Platten und Steine auf einer Fläche von 10.700 Quadratmetern verlegt.
Gab es archäologische Funde bei den Bauarbeiten?
Ja, bei der Sanierung 2017 wurde ein Skelett gefunden, das vermutlich aus dem Spätmittelalter oder der Frühen Neuzeit stammt. Auch die archäologische Ausgrabung der Magdalenskapelle fand bereits in den 1970er Jahren statt.
Fazit
Der Stephansplatz ist ein lebendiges Geschichtsbuch im Herzen Wiens. Seine Entwicklung vom mittelalterlichen Friedhof und umbauten Bereich zum offenen, modernen Platz spiegelt die dynamische Geschichte der Stadt wider. Jede Schicht des Pflasters, jede archäologische Entdeckung erzählt von vergangenen Zeiten. Heute ist er ein zentraler Treffpunkt, der trotz aller Veränderungen seine historische Bedeutung und seine enge Verbindung zum Stephansdom bewahrt hat. Die jüngste Neugestaltung hat dem Platz ein neues Gesicht gegeben, das seine historische Tiefe mit den Anforderungen eines modernen urbanen Raumes verbindet.
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