Landkreis Freyung-Grafenau: Geschichte & Zahlen

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Der Landkreis Freyung-Grafenau, gelegen im östlichsten Teil Bayerns und eingebettet in die beeindruckende Landschaft des Bayerischen Waldes, ist eine Region von besonderem Reiz und historischer Tiefe. Seine Lage im Regierungsbezirk Niederbayern macht ihn zu einem wichtigen Grenzland, das im Nordosten an Tschechien und im Südosten an Österreich grenzt. Diese geografische Position hat die Geschichte und Entwicklung des Landkreises maßgeblich geprägt. Doch wie hat sich die Bevölkerung in dieser waldreichen Gegend entwickelt? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die historischen Wurzeln und die jüngsten demografischen Trends.

Wie viele Einwohner hat Freyung Grafenau?
Landkreis Freyung-GrafenauWappenDeutschlandkarteEinwohner:78.512 (31. Dez. 2023)Bevölkerungsdichte:80 Einwohner je km2Kfz-Kennzeichen:FRG, GRA, WOSKreisschlüssel:09 2 72

Geografisch ist der Landkreis Freyung-Grafenau vom Bayerischen Wald dominiert, einem Mittelgebirge, das sich durch dichte Wälder, sanfte Hügel und markante Gipfel auszeichnet. Rund 60 % des Kreisgebiets sind von Wald bedeckt, was der Region ihren unverwechselbaren Charakter verleiht. Die höchste Erhebung ist der Große Rachel mit 1453 Metern, der stolz den Titel des zweithöchsten Berges im gesamten Bayerischen Wald trägt. Nahe dem Rachel entspringt die Ilz, ein naturnaher Fluss, der das westliche Kreisgebiet in südlicher Richtung durchfließt, bevor er in Passau majestätisch in die Donau mündet. Diese Naturlandschaft ist nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern spielt auch eine wichtige Rolle für Ökologie und Tourismus.

Historische Wurzeln im Nordwald

Die eigentliche Geschichte der Besiedelung des heutigen Landkreises beginnt im Mittelalter. Entgegen mancher Annahmen, die von einer durchgehenden Besiedelung seit prähistorischer Zeit ausgehen, gibt es dafür archäologisch keine gesicherten Beweise für dauerhafte Siedlungen. Zwar wurden Funde wie Silexabschläge und Tonscherben gemacht, die auf die Anwesenheit von Menschen hindeuten, doch fehlen Belege für langfristige Niederlassungen. Stein- und Bronzebeile, oft als „Donnerkeile“ bezeichnet und zum Schutz vor Blitzschlag gehandelt und aufbewahrt, zeugen eher von weitreichenden Kontakten und Bräuchen als von früher Besiedelung. Was jedoch feststeht, ist die frühe Existenz von Handelswegen, die den Bayerischen Wald durchquerten und Böhmen mit dem süddeutschen Raum verbanden.

Diese Handelsrouten, insbesondere die sogenannten Goldenen Steige, auf denen hauptsächlich Salz transportiert wurde, gehörten bis in die frühe Neuzeit zu den bedeutendsten Verkehrsadern der Region. Sie brachten nicht nur Waren, sondern auch Menschen und Ideen in den damals noch weitgehend unerschlossenen „Nordwald“.

Bis ins 11. Jahrhundert war das Gebiet zwischen Donau, Rachel und Dreisessel Königsgut. Ein entscheidender Einschnitt war die Schenkung des Gebiets östlich der Ilz als Rodungsland an das Reichskloster Niedernburg in Passau im Jahr 1010. Dieses fiel später an die Passauer Bischöfe, die ein großes Interesse daran hatten, die dünn besiedelte und dicht bewaldete Region urbar zu machen. Sie förderten aktiv die Rodungs- und Siedlungsarbeit, was sich noch heute in vielen Ortsnamen mit der Endung -reut (von roden) widerspiegelt. Die Grenzen zu den angrenzenden Gebieten Bayerns, Österreichs und Böhmens waren jahrhundertelang Gegenstand von Auseinandersetzungen und konnten erst 1767 unter Fürstbischof Kardinal Leopold Ernst Graf von Firmian verbindlich festgelegt werden. Firmian gelang auch der Rückkauf der österreichischen Herrschaft Rannariedl.

Der Hauptort des sogenannten Abteilandes, also des Gebiets unter Passauer Herrschaft, war lange Zeit der Markt Waldkirchen, strategisch günstig an einem der Hauptwege des Goldenen Steiges gelegen. Die fürstbischöflichen Burgen Fürsteneck und Wolfstein, um 1200 zur Grenzsicherung errichtet, wurden im 14. Jahrhundert zu Sitzen der Pfleggerichte, denen auch die Märkte Perlesreut und Freyung unterstanden. Waldkirchen konnte eine Sonderstellung behaupten und war als einziger Ort der Region zwischen 1460 und 1470 mit einer Ringmauer befestigt, deren Reste noch heute sichtbar sind.

Die Säkularisation im Jahr 1803 beendete die Herrschaft des Hochstifts Passau. Das Gebiet fiel zunächst an das Großherzogtum Salzburg-Toskana und schließlich 1806 an das neugegründete Königreich Bayern.

Das Gebiet westlich der Ilz hatte eine andere historische Entwicklung. Ursprünglich ebenfalls Königsland, wurde es Teil der formbachischen Grafschaft Windberg. Nach dem Aussterben der Formbacher fiel es an die Grafen von Andechs-Meranien, von denen es 1207 ebenfalls das Hochstift Passau erwarb. Passau belehnte im selben Jahr die Halser mit dem Land am Oberlauf der Ilz und der Burg Bärnstein. Die Halser gründeten im 13. Jahrhundert den Markt Schönberg. Nach dem Aussterben der Grafen von Hals im Jahr 1375 wurde Landgraf Johann von Leuchtenberg Haupterbe. Er ließ im Asang, einer Brandrodung, den Markt Grafenau anlegen. Durch sein Wirken erhielt Grafenau bereits 1376 von Kaiser Karl IV. die Stadtrechte. 1396 stiftete der Leuchtenberger das Kloster Sankt Oswald, ebenfalls an einem Handelsweg gelegen.

1417 verkauften die Leuchtenberger ihre Besitztümer an die Ortenburger, von denen sie 1438 von den bayerischen Herzögen erworben wurden. Das Grafenauer Land wurde dem Rentamt Straubing zugeteilt, und in den Burgen Bärnstein und Dießenstein wurden Pflegrichter eingesetzt.

So gingen die Bewohner des Wolfsteiner und des Grafenauer Landes über Jahrhunderte territorialgeschichtlich getrennte Wege. Die alte Grenze zwischen den „Bayern“ (dem Grafenauer Land) und den „Bistümlern“ (dem Passauer Abteiland) blieb dem Volk lange bewusst. Trotz dieser Trennung teilten sie die ausgeprägte Liebe zu ihrem Wald und ein Erwerbsleben, das hauptsächlich von Landwirtschaft, Viehzucht und Waldarbeit geprägt war. Seit dem 15. Jahrhundert kamen Arbeitsverhältnisse in Waldglashütten hinzu, und ab dem 18. Jahrhundert gewann die planmäßige Holznutzung mit Holztrift und Holzverarbeitung an Bedeutung. Im 19. Jahrhundert brachten schließlich die Eisenbahnen und neue Straßen das Waldland näher an die Welt und leiteten eine bescheidene Industrialisierung ein.

Von Bezirksämtern zum modernen Landkreis

Die administrative Gliederung der Region spiegelte lange die historische Teilung wider. Von 1862 bis ins 20. Jahrhundert bestand das Gebiet des heutigen Landkreises Freyung-Grafenau aus den beiden Bezirksämtern Wolfstein und Grafenau. Mit der Einführung der Bezeichnung Landkreis im Deutschen Reich am 1. Januar 1939 wurden aus diesen Bezirksämtern die Landkreise Grafenau und Wolfstein.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Bayerische Wald als Sommerfrische entdeckt. Doch erst mit der Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald im Jahr 1970 nahm der Tourismus in den Landkreisen Wolfstein und Grafenau deutlich zu. Heute zählt er zu den wichtigsten Erwerbszweigen der Region.

Bestrebungen zur Verwaltungsvereinfachung im unteren Bayerischen Wald gab es bereits im vorigen Jahrhundert. Konkrete Gespräche über eine Zusammenlegung der Landkreise Grafenau und Wolfstein gab es erstmals 1959. Zehn Jahre später begann die Planung der „Kommunalen Neugliederung“ in Bayern.

Nach Zustimmung des Landtags verfügte die Bayerische Staatsregierung mit einer Rechtsverordnung vom 27. Dezember 1971 die Zusammenlegung der Landkreise Grafenau und Wolfstein zum neuen Landkreis Freyung, wirksam ab dem 1. Juli 1972. Am 11. Juni 1972 wählte die Bevölkerung die 50 neuen Kreisräte und den bisherigen Landrat des Altlandkreises Wolfstein, Franz Schumertl, zum Landrat des neuen Kreises. Am 27. Oktober 1972 entschied der Kreistag in Grafenau mit 33 zu 15 Stimmen für den Namen Freyung-Grafenau. Die Namensänderung trat am 1. Mai 1973 in Kraft. Als Sitz der Landkreisverwaltung wurde die Stadt Freyung bestimmt, die bereits zuvor Sitz der Verwaltung des Landkreises Wolfstein war.

Die Wende und ihre Auswirkungen

Ein weiterer bedeutender Einschnitt in der jüngeren Geschichte des Landkreises war die Öffnung des Eisernen Vorhangs in Richtung Tschechien im Jahr 1989. Dadurch rückte der Landkreis von seiner bisherigen Grenzlage in eine zentralere Position in Europa. Kurz darauf wurde auf tschechischer Seite der Nachbar-Nationalpark Šumava gegründet, der gemeinsam mit dem Nationalpark Bayerischer Wald eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas bildet. Diese grenzüberschreitende Kooperation stärkt nicht nur den Naturschutz, sondern auch den Tourismus und die regionale Identität.

Wie viele Einwohner hat Freyung Grafenau?
Landkreis Freyung-GrafenauWappenDeutschlandkarteEinwohner:78.512 (31. Dez. 2023)Bevölkerungsdichte:80 Einwohner je km2Kfz-Kennzeichen:FRG, GRA, WOSKreisschlüssel:09 2 72

Auch die Transitverbindung zwischen Deutschland und Tschechien durch den Landkreis nahm deutlich zu. Besonders seit dem EU-Beitritt Tschechiens im Jahr 2004 und dem Wegfall der Grenzkontrollen im Rahmen des Schengener Abkommens im Jahr 2007 sind die wirtschaftlichen Verflechtungen und der Austausch über die Grenze hinweg stark gestiegen.

Im politischen Bereich gab es ebenfalls Veränderungen: Durch eine Wahlkreisreform im Jahr 2003 verlor der Landkreis seinen direkt gewählten Landtagsabgeordneten. Ein Großteil des Kreisgebiets wurde mit dem Landkreis Regen zu einem Wahlkreis zusammengelegt, während der südöstliche Teil dem Stimmkreis Passau-Ost zugeteilt wurde. Dennoch ist die Region weiterhin im Landtag vertreten.

Entwicklung der Einwohnerzahlen

Die Frage nach der Einwohnerzahl ist zentral für das Verständnis der Dynamik einer Region. Die Einwohnerentwicklung des Landkreises Freyung-Grafenau zeigt interessante Trends, die sowohl von nationalen Entwicklungen als auch von spezifischen regionalen Faktoren beeinflusst wurden.

Betrachtet man den Zeitraum von 1988 bis 2008, so verzeichnete der Landkreis einen Zuwachs von etwa 4000 Einwohnern, was einem Wachstum von rund 5 % entspricht. Dies war eine Periode des relativen Wachstums, die möglicherweise durch Zuzug und eine positive Geburtenbilanz geprägt war.

Der Höchststand der Einwohnerzahl wurde um das Jahr 2002 erreicht, mit rund 82.500 Einwohnern. Seit diesem Zeitpunkt ist die Tendenz jedoch rückläufig. Das bedeutet, dass die Bevölkerung des Landkreises seit Beginn der 2000er Jahre tendenziell abnimmt, auch wenn der absolute Rückgang im Vergleich zum Höchststand nicht dramatisch war.

Ein längerer Vergleichszeitraum, von 1988 bis 2018, verdeutlicht die Gesamtentwicklung über drei Jahrzehnte. Im Jahr 1988, basierend auf dem Gebietsstand vom 25. Mai 1987, hatte der Landkreis 75.941 Einwohner. Bis 2018 stieg diese Zahl auf 78.355. Dies entspricht einem Zuwachs von 2.414 Einwohnern oder 3,2 % über den gesamten Zeitraum von 30 Jahren.

Diese Zahlen zeigen, dass es zwar über den langen Zeitraum einen Bevölkerungszuwachs gab, dieser jedoch durch den Rückgang seit dem Höchststand um 2002 moderiert wurde. Die Entwicklung war auch nicht in allen Teilen des Landkreises gleich. In den meisten Gemeinden konnte der Bevölkerungszuwachs, der insbesondere in den 1990er Jahren stattfand, nicht gehalten werden. Seit den 2000er Jahren sank die Einwohnerzahl in vielen Kommunen kontinuierlich.

Zusammenfassend lässt sich die Bevölkerungsentwicklung des Landkreises Freyung-Grafenau in den letzten Jahrzehnten wie folgt beschreiben:

  • Basisjahr 1988: 75.941 Einwohner
  • Wachstum bis Anfang der 2000er Jahre
  • Höchststand um 2002: ca. 82.500 Einwohner
  • Rückläufige Tendenz seit ca. 2002
  • Jahr 2018: 78.355 Einwohner
  • Gesamtwachstum 1988-2018: +2.414 Einwohner (+3,2 %)
  • Trend in den meisten Gemeinden: Wachstum in den 1990ern, kontinuierlicher Rückgang seit den 2000ern.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und spiegeln oft überregionale Trends wider, wie demografischer Wandel (niedrigere Geburtenraten, Alterung der Bevölkerung) und Wanderungsbewegungen (Abwanderung junger Menschen in Ballungszentren, aber auch Zuzug aus anderen Regionen oder dem Ausland).

Häufig gestellte Fragen zum Landkreis

Die Geschichte und Struktur des Landkreises werfen oft Fragen auf:

Warum heißt der Landkreis Freyung-Grafenau?

Der Name resultiert aus der Zusammenlegung der ehemaligen Landkreise Wolfstein (mit Sitz in Freyung) und Grafenau im Jahr 1972. Nach der anfänglichen Bezeichnung als Landkreis Freyung wurde der Name 1973 in Freyung-Grafenau geändert, um die Bedeutung beider historischer Zentren zu würdigen.

Wo genau liegt der Landkreis Freyung-Grafenau?

Er liegt im östlichsten Teil des Freistaats Bayern, im Regierungsbezirk Niederbayern. Er grenzt direkt an Tschechien und Österreich.

Was ist der höchste Berg im Landkreis?

Der höchste Berg ist der Große Rachel mit 1453 Metern. Er ist gleichzeitig der zweithöchste Berg im gesamten Bayerischen Wald.

Welche Rolle spielten die „Goldenen Steige“ historisch?

Sie waren bedeutende mittelalterliche Handelswege durch den Bayerischen Wald, auf denen vor allem Salz von Bayern nach Böhmen transportiert wurde. Sie trugen maßgeblich zur Erschließung und wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei.

Wie hat sich die Bevölkerung in den letzten Jahren entwickelt?

Nach einem Wachstum bis Anfang der 2000er Jahre (Höchststand um 2002) ist die Einwohnerzahl tendenziell wieder rückläufig, liegt aber über dem Stand von 1988.

Der Landkreis heute

Heute ist der Landkreis Freyung-Grafenau eine Region, die stolz auf ihre Geschichte und ihre einzigartige Naturlandschaft blickt. Geprägt durch die jahrhundertelange Entwicklung im Schatten der Passauer Fürstbischöfe und der bayerischen Herzöge, durch die Bedeutung der Goldenen Steige und die Umbrüche der Neuzeit, hat sich ein eigenständiges regionales Bewusstsein entwickelt. Die Zusammenlegung der Landkreise Wolfstein und Grafenau hat eine neue administrative Einheit geschaffen, die die Vielfalt der historischen Gebiete unter einem Dach vereint. Die Öffnung der Grenzen hat neue Chancen für die Zusammenarbeit und die wirtschaftliche Entwicklung eröffnet. Während die Einwohnerzahlen seit einem Höchststand um 2002 leicht rückläufig sind, bleibt der Landkreis ein attraktiver Lebensraum, der die Ruhe der Natur mit der Nähe zu kulturellen Zentren und grenzüberschreitenden Verbindungen kombiniert. Der Nationalpark Bayerischer Wald ist dabei nicht nur ein touristischer Magnet, sondern auch ein Symbol für das Bekenntnis der Region zum Schutz ihrer wertvollen natürlichen Ressourcen. Die zukünftige Entwicklung wird von der Fähigkeit abhängen, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern und die Chancen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und des nachhaltigen Tourismus weiter zu nutzen.

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Bruno Auerei Leimen

Ich heiße Bruno Auerei Leimen und wurde 1979 in Heidelberg geboren. Seit über zwanzig Jahren widme ich mich leidenschaftlich der Entdeckung der kulinarischen Vielfalt Deutschlands. Nach meinem Studium der Literatur und des Journalismus an der Universität München habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Liebe zum Schreiben mit meiner Neugier für authentische regionale Küche zu verbinden. Heute arbeite ich als Gastronomiekritiker, habe drei Bücher über kulinarische Reisen veröffentlicht und schreibe regelmäßig für renommierte Magazine. Besonders schlägt mein Herz für traditionelle Gerichte und handwerklich gebrautes Bier.

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