Schloss Marienburg, oft als Märchenschloss Niedersachsens bezeichnet, ist ein beliebtes Ausflugsziel, das mit seiner imposanten Architektur und malerischen Lage auf dem Marienberg die Fantasie beflügelt. Doch in jüngster Zeit steht das Schloss nicht nur für seine reiche Geschichte, sondern auch für eine ungewisse Gegenwart. Seit Ende 2023 sind die Tore für die meisten Besucher geschlossen. Doch was steckt hinter dieser Schließung, und wie geht es weiter mit diesem bedeutenden Kulturdenkmal?
Die romantische Entstehung eines Schlosses
Die Geschichte von Schloss Marienburg beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem liebevollen Geschenk. König Georg V. von Hannover, der seine Sehkraft verloren hatte, erwarb im Jahr 1857 ein Waldgrundstück am Südosthang des Schulenburger Berges und schenkte es seiner Frau, Königin Marie, zu ihrem 39. Geburtstag. In der Schenkungsurkunde gab er dem angekauften Teil des Berges den Namen Marienberg und bestimmte, dass darauf eine Burg, die Marienburg, als Sommersitz für die Königin erbaut werden solle. Beide Namen – Marienberg und Marienburg – enthalten den Rufnamen seiner Frau.

Königin Marie wünschte sich ein Schloss im Stil einer mittelalterlichen, gotischen Höhenburg, romantisch gelegen und wehrhaft anmutend. Der Standort war ideal: nahe dem ehemaligen Stammsitz der Welfen (Burg Calenberg) und dem neu errichteten Bahnhof Nordstemmen, der sogar einen königlichen Salonwagen beherbergen konnte. Die bereits vorhandene Ringwallanlage des Sachsenwalls wurde in die Planung einbezogen und ihr Innenraum entsprechend umgestaltet. Ein Steinbruch am Hang zur Leine wurde so abgetragen, dass das Schloss vom Tal aus wie eine uneinnehmbare Festung wirkte. Sogar eine Sage von Zwergen im Marienberg wurde aufgegriffen und mit kleinen Denkmälern an den Zufahrten gewürdigt.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 9. Oktober 1858 im Beisein der königlichen Familie. Die Bauleitung oblag zunächst Ingenieurmajor Eduard Julius Hugo Witte, einem Freund der Familie, der jedoch wegen Veruntreuung von Geldern abgelöst wurde. Unter den Architekten Conrad Wilhelm Hase und später Edwin Oppler wurde das Schloss von 1857 bis 1864 im deutschen neugotischen Stil errichtet. Hase orientierte sich an Maries Wunsch nach einer wehrhaften Burg mit Türmen, Zinnen und Toren. Er verwendete einen achsensymmetrischen Grundriss um einen Innenhof, überragt von einem Bergfried. Obwohl äußerlich martialisch, dienten Elemente wie Bastionen als Eiskeller oder Wachttürme als Volieren. Für den blinden König wurde ein Korkmodell des Schlosses angefertigt, damit er es ertasten konnte.
Der Innenausbau schritt zügig voran. Hase führte Innovationen wie versenkbare Türen und Warmwasserheizung ein und gestaltete zahlreiche Räume. Nach Streitigkeiten mit Witte trat Hase 1864 zurück. Sein Nachfolger, Edwin Oppler, der die englische Neugotik bevorzugte, gestaltete viele von Hases Innenräumen im Rittersaal und den Gemächern der Königin um, wobei er Hases Verwendung von Gips und Gusseisen ablehnte. Dennoch blieben Teile von Hases Ausstattung in der Bibliothek, im Fremdenzimmer und der Hauptturmhalle erhalten. Oppler nahm auch bauliche Änderungen vor, wie die Anlage der morning hall oder die Erhöhung eines Turms. Die Ausmalung der Räume wurde von Malern wie Otto Knille und Leonard Gey fertiggestellt.
Die Außenanlagen wurden von Hofgarteninspektor Schaumburg im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt, mit verschlungenen Wegen, künstlichen Felsen und einem geplanten Wasserfall. Es gab spezielle Gärten wie den Prinzessinnengarten und eine schlosseigene Gärtnerei. Auch ein Reitplatz und ein Marstall (heute das Schloss-Restaurant) gehörten zur Anlage.
Turbulente Zeiten und das Ende eines Königreichs
Nur wenige Wochen, nachdem König Georg V. und seine Familie das fast fertiggestellte Schloss Marienburg im Sommer 1865 erstmals bezogen hatten, zog der Deutsche Krieg von 1866 herauf. König Georg V. lehnte ein Bündnis mit Preußen ab und verbündete sich mit Österreich, in der Hoffnung auf einen Sieg. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866 musste Hannover kapitulieren. Preußen siegte wenig später auch gegen Österreich und annektierte das Königreich Hannover, das zur preußischen Provinz wurde.
König Georg V. ging mit seinem Sohn Ernst August ins Exil nach Österreich. Königin Marie blieb zunächst im Schloss Herrenhausen und zog dann mit ihrer jüngsten Tochter Prinzessin Mary und ihrem Hofstaat auf die noch unfertige Marienburg. Ihre wichtigste Aufgabe dort war es, die wertvollen Schätze des Welfenhauses, einschließlich der Kronjuwelen, vor dem Zugriff Preußens in Sicherheit zu bringen. Dies gelang ihr heimlich, indem sie die Juwelen über England nach Österreich schmuggeln ließ. Am 24. Juli 1867 verließ auch Königin Marie die Marienburg und Niedersachsen. Sie kehrte nie wieder auf das Schloss zurück. Seitdem hängt ein Hufeisen am nordöstlichen Eingangstor – der Sage nach von einem der Pferde ihres Sechsspänners beim Abschied verloren.

Nach Maries Abreise stand das Schloss fast 80 Jahre lang weitgehend leer, nur von einem Burgaufseher bewohnt und bewacht. Dennoch gab es bereits im 20. Jahrhundert ein Schlossmuseum, das die einstige Pracht zeigte.
Neuanfang nach dem Krieg und die Auktion des Inventars
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schloss Marienburg erstmals wieder von den Welfen bewohnt. Ernst August (III.), Enkel König Georgs V., zog 1945 mit seiner Familie von Schloss Blankenburg, das in die sowjetische Besatzungszone fiel, auf die Marienburg. Mit Hilfe der britischen Armee wurden die Schlösser in Blankenburg fast vollständig geräumt und das Inventar auf die Marienburg gebracht. Dort lagerte bereits Mobiliar aus anderen Welfenschlössern sowie dem königlichen Bahnhof Nordstemmen. Auch bedeutende Kulturgüter wie das Evangeliar Heinrichs des Löwen und das Münzkabinett des Hauses Hannover befanden sich zeitweise hier, bevor sie verkauft wurden.
In den Nachkriegsjahren beherbergte das Schloss auch zahlreiche Flüchtlingsfamilien. Nach dem Tod von Ernst August (III.) im Jahr 1953 auf der Marienburg kam es zu einem Konflikt zwischen seiner Witwe Viktoria Luise und ihrem Sohn Ernst August (IV.), unter anderem über die Apanage und den Wunsch, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen solle. Viktoria Luise verließ das Schloss daraufhin Ende 1956.
Nach der Wende und der erfolglosen Klage auf Rückgabe der Güter in Blankenburg sah sich die Welfenfamilie gezwungen, Teile ihres Vermögens zu veräußern. Im Jahr 2005 wurde Ernst August Prinz von Hannover junior beauftragt, den größten Teil des Schlossinventars versteigern zu lassen. In Zusammenarbeit mit dem Auktionshaus Sotheby’s wurden über 20.000 Kunstgegenstände ausgestellt und versteigert. Bieter aus 39 Ländern gaben Gebote ab. Das Ergebnis war finanziell erfolgreich (44 Millionen Euro), aber kulturell umstritten: 98 Prozent der Lose wurden verkauft, die Hälfte ging ins Ausland, nur ein Viertel verblieb in Niedersachsen. Waldemar R. Röhrbein, ehemaliger Direktor des Historischen Museums Hannover, kritisierte den „Ausverkauf der Welfen- wie der Landesgeschichte“ scharf, ebenso wie Heinrich Prinz von Hannover, ein Bruder des damaligen Welfenchefs.
Eine positive Ausnahme im Hinblick auf die öffentliche Zugänglichkeit wertvoller Stücke war die Ausstellung „Der Weg zur Krone“ von 2014 bis 2017, bei der die Kronjuwelen des Königreiches Hannover erstmals seit 1866 wieder auf ehemals welfischem Gebiet gezeigt wurden und fast 100.000 Besucher anzogen.
Der aktuelle Zustand: Hausschwamm, Einsturzgefahr und die Sanierung
Seit 2004 befand sich Schloss Marienburg im Privatbesitz von Ernst August Prinz von Hannover junior. Schon 2018 wurden Pläne bekannt, das Schloss für einen symbolischen Euro an die öffentliche Hand zu verkaufen, da ein erheblicher Sanierungsbedarf von geschätzten 27 Millionen Euro bestand. Dieser Verkauf scheiterte jedoch am Widerstand seines Vaters, Ernst August Prinz von Hannover senior, der die Schenkung widerrief und das Schloss zurückforderte, was zu einem öffentlich ausgetragenen Familienstreit führte.

Um die Zukunft des Schlosses zu sichern, überführte Ernst August junior das Schloss samt Inventar im Jahr 2020 in die neu gegründete Stiftung Schloss Marienburg. Ziel der Stiftung ist die bauliche Instandsetzung sowie die Erschließung und Erforschung des Kulturerbes der Welfen. Im Jahr 2021 wurde der „Kooperationsvertrag Marienburg 2030“ geschlossen, eine Vereinbarung zwischen dem Land Niedersachsen, dem Landesmuseum Hannover, der HAWK Hildesheim und der Stiftung, das Schloss bis 2030 instand zu setzen und für Besucher zugänglich zu machen. Bund und Land stellen hierfür 27,2 Millionen Euro zur Verfügung.
Die Dringlichkeit der Maßnahmen wurde Ende 2023 offensichtlich. Aufgrund von Einsturzgefahr, verursacht durch massiven Hausschwamm im Dachstuhl, mussten zunächst die Innenräume und dann das gesamte Schloss für den Besucherverkehr auf unbestimmte Zeit geschlossen werden. Die Sanierung ist komplex und wird voraussichtlich mindestens bis zum Jahr 2031 andauern, wie die Region Hannover und die Stiftung mitteilten.
Kontroversen und die Frage der Zugänglichkeit
Die Schließung des Schlosses wirft Fragen auf, insbesondere im Hinblick darauf, dass Dreharbeiten, wie für die erfolgreiche Teenie-Serie „Maxton Hall“ oder den Kinofilm „Die Schule der magischen Tiere 4“, unter Auflagen weiterhin stattfinden durften. Ehemalige Mitarbeitende und ein Ingenieur, der sich um die Sanierung beworben hatte, äußerten Zweifel an der Notwendigkeit einer derart langen und umfassenden Schließung für die Öffentlichkeit, während temporäre Nutzungen für Filmproduktionen möglich sind.
Die Stiftung Schloss Marienburg sieht sich zudem mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert, da durch die Schließung wichtige Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Veranstaltungen wegfallen. Sollte die Stiftung gezwungen sein, sich aufzulösen, könnte das Schloss satzungsgemäß an das Land Niedersachsen fallen. Gerüchte über eine mögliche Umwandlung in ein Landesmuseum wurden vom niedersächsischen Kulturministerium dementiert.
Eine positive Entwicklung gab es im August 2024: Die Gastronomie im ehemaligen Marstall konnte unter einem neuen Pächter wiedereröffnet werden. Diese Räume sind glücklicherweise nicht vom Hausschwamm betroffen und somit für Besucher zugänglich, auch wenn der Hauptteil des Schlosses geschlossen bleibt.
Heiraten auf Schloss Marienburg – Aktueller Stand
Für viele Paare war Schloss Marienburg ein Traumort für ihre Hochzeit. Leider ist dies derzeit nicht möglich. Aufgrund der baulichen Bedenken und der Sperrung des Südflügels, in dem sich der „Salon des Kronprinzen“ als externes Trauzimmer befand, können standesamtliche Trauungen auf der Marienburg derzeit nicht vorgenommen werden. Es ist unklar, wann und ob wieder ein geeigneter Raum zur Verfügung stehen wird. Interessierte Paare werden gebeten, sich über die Homepage der Gemeinde Pattensen oder die Presse über mögliche neue Termine zu informieren.

Häufig gestellte Fragen zu Schloss Marienburg
Warum ist Schloss Marienburg geschlossen?
Das Schloss ist wegen massiven Hausschwamm-Befalls im Dachstuhl geschlossen. Dieser Pilz hat tragende Balken zerstört, wodurch Einsturzgefahr besteht. Eine umfassende Sanierung ist notwendig.
Wer ist der aktuelle Besitzer von Schloss Marienburg?
Schloss Marienburg gehört seit 2020 der Stiftung Schloss Marienburg. Zuvor war es im Privatbesitz von Ernst August Prinz von Hannover junior.
Wann wird Schloss Marienburg wieder geöffnet?
Der Hauptteil des Schlosses ist wegen der Sanierung auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Sanierung wird voraussichtlich mindestens bis zum Jahr 2031 dauern. Die Gastronomie im ehemaligen Marstall ist seit August 2024 teilweise wieder geöffnet.
Kann man auf Schloss Marienburg heiraten?
Derzeit sind standesamtliche Trauungen im Schloss Marienburg nicht möglich, da der dafür vorgesehene „Salon des Kronprinzen“ im gesperrten Südflügel liegt.
Warum dürfen Filme im Schloss gedreht werden, wenn es geschlossen ist?
Dreharbeiten wurden von der Region Hannover unter strengen Auflagen genehmigt. Zuvor musste ein Gutachten die temporäre Nutzung einiger Räume für eine begrenzte Personenzahl bestätigen. Die Produktionsfirmen mussten provisorische Abstützungen an Balken und Trägern anbringen.
Die Zukunft des Märchenschlosses
Schloss Marienburg steht vor einer herausfordernden, aber notwendigen Phase der Sanierung. Die Schließung aufgrund von Hausschwamm und Einsturzgefahr ist ein drastischer Schritt, der jedoch den langfristigen Erhalt dieses einzigartigen Kulturdenkmals sichern soll. Die Stiftung Schloss Marienburg arbeitet zusammen mit dem Land Niedersachsen und anderen Partnern an der Umsetzung des Sanierungskonzepts. Während die Wartezeit bis zur vollständigen Wiedereröffnung lang erscheint, lässt die teilweise Öffnung der Gastronomie hoffen, dass bald wieder mehr Leben in das historische Gemäuer einkehrt und Besucher zumindest in Teilen das Flair des Marienbergs genießen können. Die Geschichte des Schlosses, von einem romantischen Geschenk bis zu den aktuellen Herausforderungen, bleibt spannend und sein Wert als kulturelles Erbe Niedersachsens unbestritten.
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